 |
Ruth Pfau, 84 Jahre, in Leibzig geboren.
Sie lebt seit 50 Jahren in Pakistan. |
Ruth Pfau ist Deutsche. Und das merkt man vor allem an ihrem Hang zur Pünktlichkeit. Für 6.30 Uhr in der Früh ist die Abfahrt nach Hayderabat vereinbart. Ruth Pfau sitzt bereits um 6.20 Uhr im Wagen und spätestens um 6.25 Uhr wird sie ungeduldig und fragt, warum die anderen zu spät kommen. Ihre pakistanischen Mitarbeiter können unzählige Geschichten dazu erzählen. Auch von ihrem unermüdlichen Fleiß. Ihr Arbeitseifer ist immer noch ein bisschen gefürchtet. Ihr Lieblingsmonat sei der Ramadan, so Mervyn Lobo, der jetzige CEO von Ruth Pfaus Hilfswerk, denn da müsse man keine Mittagspause machen und könne durcharbeiten, zitiert er sein großes Vorbild mit einem leichten Grinsen im Gesicht. Und nachdem das Team einmal 14 Stunden ohne Pause durchgearbeitet hatte und ein Kollege am nächsten Tag nur fünf Minuten nach sieben Uhr in der Früh zu spät erschien, pflegte Ruth Pfau bereits einen „guten Abend“ zu wünschen. Ob ernst oder witzig gemeint weiß man nie genau. Deutscher Humor ist weder für Pakistanis noch für Österreicher immer klar von Rüge und Vorwurf zu trennen. Aber der Fleiß von Pfau und ihrem Team hat sich ausgezahlt. Nach 50 Jahren Einsatz ist die Lepra in Pakistan unter Kontrolle.
 |
| Abfahrt nach Thatta um 6.30 Uhr in der Früh |
Ein Jeep wie eine Sardinendose
Ruth Pfau sitzt vorne im Jeep. Mithilfe
eines Schemels schafft sie den Einstieg über die Hohe Bodenkante. Es
rührt mich, als ich später erfahre, dass sich die 84 jährige Frau
ernsthaft überlegt hat mir, ihrem Gast, den Platz vorne zur
Verfügung zu stellen. Zu den hinteren Plätzen kommt man nur mit
einem komplizierten Schlichtungssystem. Einstieg durch die
Heckklappe, überwinden mehrerer Kisten, zusammenklappen der Füße
und schließlich Einschlichten in der zweiten Reihe. Ich frage mich
ernsthaft, wie sich die Konstrukteure von Jeeps das Besteigen ohne
Hintertüren gedacht haben. Aber über die Funktionalität von so
manchem, sollte man sich vielleicht lieber keine Gedanken machen.
Es
dauert also ein wenig, bis wir alle geschlichtet sind und der Jeep
vollbesetzt mit acht Personen losfährt.
 |
| Die letzten Kilometer zum Ziel geht es über Sandpisten |
Am Stadtrand von Karachi
geht gerade die Sonne auf und im Morgenlicht können die staubigen
Gassen, die qualmenden Misthaufen und unübersehbaren Müllhalden
durchaus betören. Doch Romantik und Verklärung ist nichts für Ruth
Pfau und so lasse ich es auch lieber bleiben. Mit dem ersten Licht
füllen sich die Straßen innerhalb weniger Minuten. Im Finstern
waren wir noch fast alleine unterwegs, jetzt stauen sich bereits bunt
bemalte LKWs, Motorräder, ein paar PKWs und dazwischen Eselskarren.
Leprasymptome aber keine Diagnose
Unser Ziel ist ein Großfamilie im
Gebiet von Thatta. Die letzten Kilometer geht es über staubige
Feldwege. Hierher wurde Ruth Pfau vor sechs Wochen zu vermeintlichen
Leprafällen gerufen. Fünf Burschen und drei Mädchen der Familie,
im Alter von 23 bis 4 Jahren, hatten Symptome von Lepra an Händen,
Füßen und Gesicht. Zur besseren Diagnose wurden die Kinder und die
jungen Erwachsenen ins MALC-Spital nach Karachi gebracht. Hände und
Füße der Patient sind schon fast vollständig verstümmelt. Die
Nase lepratypisch deformiert. Nach eingehenden Untersuchungen weiß
man aber jetzt, dass es ziemlich Sicher nicht Lepra ist. Aber was ist
es dann? Dem will Ruth Pfau und ihr Team nun genauer nachgehen und
einige Familienmitglieder befragen.
 |
| Ruth Pfau untersucht ein krankes Kind in Thatta |
Die einfache Hütte der Familie wirkt
gepflegt. Der Boden ist sauber gekehrt, ein gut bestellter Acker
befindet sich gleich daneben. Und es gibt Hühner und Ochsen. Im
vergleich zu den Slums der Großstadt wirkt das hier fast wie Idylle
auf mich. Doch der Schein trügt. Als Ruth Pfau vor sechs Wochen das
erste Mal hier war, waren alle dramatisch unterernährt. Der kleine
Acker kann die große Familie nicht ernähren. Immer mehr Kinder,
Jugendliche, Erwachsene kommen herbei und umringen Ruth Pfau. Das
Land gehört der Familie nicht, erfahren wir. Als Mieter müssen sie
die Hälfte des Ertrages vom Acker abgeben. Das heißt, etwa ab der
Mitte des Jahres hat die Familie nichts mehr zu essen. Zumindest in
den letzten sechs Wochen wurden sie vom MALC mit Lebensmitteln
unterstützt.


Ruth Pfau beginnt mit ihrem Team eine
Anamnese. Fast zwei Stunden werden die Familienmitglieder befragt.
Kein leichtes Unterfangen, denn in Pakistan spricht man über 40
verschiedene Sprachen. So wird meist drei- bis viermal „um die
Ecke“ übersetzt. Stellt man dann die Kontrollfragen, klingt vieles
wieder gegensätzlich zur vorherigen Antwort. Vermutungen, dass
giftiges Wasser oder Unterernährung für die der Lepra ähnlichen
Symptome verantwortliche sein könnten, erhärten sich nicht. Das
Team ist ratlos und man beschließt vorerst die acht Patienten nach
der Erstversorgung wieder zurück zur Familie aufs Land zu schicken.
Ruth Pfau besteht aber auf eine nachhaltige Lösung: Zumindest das
Problem der dramatische Unterernährung der Familie muss gelöst
werden. Zwei von den gesunden Söhnen arbeiten als Fahrer von
Motorrikschas, kleinen Motorradtaxis. Doch nach Abzug des Mietpreises
von 500 Rupee, bleibt auch davon nicht viel der Familie. Es wird also
beschlossen zwei Motorrikschas zur Verfügung zu stellen. Ziel ist
es, dass somit die Familie langfristig selbst für die acht
behinderten Kinder wird sorgen können.
Gewaltige Schotterstreifen
 |
| Das gewaltige Schotterbett des Indus |
Weiterfahrt nach Hayderabat. Die
Landschaft ist beeindruckend. Weite Ebenen und darin breite
Flussbette, die ihre Schotterstreifen durch die Landschaft ziehen.
Zur Zeit führt der
Indus,
der Hauptfluss hier, nur wenig Wasser, aber man kann sich vorstellen,
mit welcher gewaltiger Macht die Wassermassen die Landschaft
beständig verändern und welche dramatischen Auswirkungen das
Hochwasser im Juli 2010
auf die
Menschen hatte.
Über mehrere Monate ist das Wasser überall auf den
Feldern gestanden und als es weg war, hat die Sonne innerhalb von
kurzer Zeit den eigentlich fruchtbaren Schlamm so rasch getrocknet,
dass ein Bestellen des Bodens unmöglich war. Wie betoniert waren die
Felder. Mit Handarbeit und Ochsenpflug war da nicht viel
auszurichten. Die wenigen Maschinen für die Feldarbeit, sind im
Besitz der „Landlords“ und die lassen sich die Miete ordentlich
bezahlen. Keine Chance also für die meist armen Bauernfamilien.
Rast nur für Männer

Viel
ist nicht los auf der alten Straße zwischen Karachi und Hayderabat.
Hin und wieder ein bunt bemalter LKW, der kunstvoll aufgeschlichtet,
die Last für mindestens zwei weitere Fuhren aufeinmal trägt. Durch
die schwere Ladung doppelt so breit und dreimal so hoch, begegnen uns
diese fahrenden Eisenkisten im Schritttempo, so schwarz rauchend,
dass man eigentlich meinen könnte, LKW und Ladung sind bereits im
Vollbrand. Auf der Seite immer wieder
Truck-Stopps. Auch wir machen dort Rast.
Doch Truckstopps sind
eigentlich nur für Männer. Sie sitzen von der Sonne geschützt
unter Planen, trinken Tee und werden bedient. Frauen bleiben entweder
im Auto oder dürfen sich in einen stickigen Nebenraum ohne Fenster
und Ventilator zurückziehen. Ruth Pfau wäre aber nicht Ruth Pfau,
würde sie nicht eine Lösung finden. Kurzerhand wird ein Tisch aus
dem Männerbereich in den Schatten von ein paar Bäumen neben die
Raststätte gestellt. Perfekt!

Rund
um die Städte Kotri und Hayderabat wird es wieder schmutziger.
Nicht, dass es am Land nicht auch Unmengen an Plastik in der
Landschaft verteilt gibt, doch in und rund um die Städte ist das
Verhältnis Plastik und Landschaft eindeutig zu Gunsten des Plastiks.
In
Hayderabat übernachten wir im Field-Office von MALC. Die
Verantwortlichen erwarten uns schon und freuen sich über den Besuch
von Ruth Pfau.
Königlicher Gast in alten Laken
Ich
bekomme das beste Zimmer. Der Gast ist hier König. Die Fenster haben
teilweise kein Glas und so kommt unablässig ganz feiner Staub ins
Zimmer. Innerhalb weniger Stunden ist mein Equipment sichtlich davon
überzogen, ganz zu schweigen von dem Bett. Überall fühlt man das
feine Reiben und es knirscht zwischen den Zähnen. Dass Bettzeug
wirkt schon mehrfach verwendet, das ist hier üblich und daran muss
man sich erst gewöhnen. Bettzeugwechsel gibt es hier eigentlich
nicht, denn es gibt ja nur eine Garnitur. Und nachdem ich gesehen
habe, dass viele hier ihre Wäsche im Fluss waschen, und am Boden
ausgelegt trocknen, bin ich mir gar nicht sicher was das kleinere
Übel ist? Augen zu und durch.
Erster Teil:
Bei Ruth Pfau in Pakistan
Zweiter Teil:
Pünktlichkeit und deutscher Humor in Pakistan
Dritter Teil:
Erfolgsgeschichte: Slumbewohner werden Bürger von Kamissagoth