Samstag, 13. September 2014

Von schweren Jungs und leichten Mädchen

Zwanzig Minuten lang hektisches Gedudel im Orchestergraben. Hatten die Bläser und Streicher keine Zeit zum Üben? Jetzt gesellen sich auch noch Schlagwerker dazu und bearbeiten ihre Instrumente. In der Wiener Volksoper entsteht eine unglaubliche Klangwolke, die nicht nur mich den baldigen Beginn des Stückes herbeisehnen lässt.
Guys and Dolls an der Wiener Volksoper. Großartiges 
Bühnenbild und Kostüme aus den 50er Jahren.
Foto: Dimo Dimov/Volksoper Wien 


Und dann wird die Bühne endlich hell. Auf eine Leinwand wird "Guys and Dolls" groß projiziert. Ich bin also im richtigen Stück gelandet! Der Lärm aus dem Orchestergraben wird zur Ouvertüre und schon kommt man aus dem Schauen und Staunen nicht mehr heraus. “Die schweren Jungs und leichten Mädchen” strömen hinter den Vorhängen hervor und bevölkern die Kulisse New Yorks. Viel mehr Sänger, Statisten und Tänzer hätten nicht mehr Platz auf der Bühne. So sah also das Alltagsleben in den 50er Jahren am Broadway aus, zumindest in der Musicalversion. Mein erster Gedanke: Wie kann sich so ein Aufwand für eine Vorstellung rechnen? Wer kann das alles bezahlen? Ich leiste jedenfalls heute zum Gehalt der Darsteller keinen Beitrag, denn ein “Geburtstagsgutschein” von culturall.com ermöglicht mir einen Sitzplatz um null, statt um 51 Euro. Eine unerwartete Gabe, denn mein Geburtstag liegt, je nach Betrachtungsweise, weit vor oder hinter mir.


Adelaide ist verschnupft.
Foto: Dimo Dimov/Volksoper Wien 
Vielleicht habe ich das Geschenk deshalb erhalten, weil mein Geburtsjahr und die deutsche Uraufführung des Musicals 1969 waren. Ich finde aber, man hätte das mit der deutschen Übersetzung lieber bleiben lassen sollen, denn die Texte sind schon auf Englisch kurios genug. Auf deutsch werden sie auch noch sehr holprig und eigentlich versteht man dank des gewaltigen Orchesters ohnedies kaum etwas. Das denke ich mir aber bei jeder österreichischen Musicalaufführung.


Ich erfreue mich also statt am Text, lieber am Großaufgebot an Musikern, Tänzern, Sängern und Schauspielern. Nach vielen Theaterbesuchen mit kargen Inszenierungen und auf wenige Symbole reduzierten Bühnenbildern, meist schwarz in schwarz, ist das hier das ganz Andere. Aus dem Schnürboden werden eindrucksvolle Kulissen herabgelassen und bunte Kostüme wirbeln über die Bühne. Hier hat man sich bemüht, gute Unterhaltung zu bieten. Von besonderem Erfolg gekrönt ist dies bei Sigrid Hauser. Genial, wie sie "überdreht" die Rolle der “verschnupften” Tänzerin Adelaide anlegt. Die immer wieder enttäuschte Liebe zu Nathan beschert ihr Halsweh und Schnupfen. Das Publikum, vor allem Frauen über 60, finden das zum Schreien und so übertönt das laute Lachen aus dem Publikum hin und wieder sogar das riesige Orchester.
Sarah betreibt Mission mit dem Trichter. 
Foto: Dimo Dimov/Volksoper Wien 

Adelaide will ihren Verlobten Nathan Detroid nach vielen Jahren Beziehung endlich heiraten und damit zähmen. Er will sich aber nicht binden und schon gar nicht ändern, sondern als “freier” Mann lieber illegale Wettspiele organisieren. Da ist aber noch eine zweite Frau hinter den “wilden, sündigen” Männern her. Sarah Brown - sie ist Heilsarmee-Sergeantin und zunächst an den Seelen interessiert. Unermüdlich versucht sie die schweren Jungs in ihrer Mission zum Gebet zu bewegen. Für mich gibt es da ein paar wirklich gelungene, lustige Szenen, denn in der Missionsstation ist ein Bibelvers falsch zitiert und immer wieder wird auf humorige Weise offensichtlich, wie hohl und inhaltsleer so mancher Missionsversuch sein kann. Menschen machen sich schnell lächerlich, vor allem dann, wenn sie ohne Denken etwas nachplappern und das dann auch noch anderen aufoktroyieren wollen. Genau hier versucht das Stück weit mehr zu vermitteln und ist viel tiefsinniger, als das auf den ersten Blick scheint. Denn Missionsversuche gibt es nicht nur im religiösen Kontext. Offensichtlich lieben es Menschen, anderen eigene Verhaltensmuster aufzuzwingen und diese als absolute letzte Wahrheiten zu “verkaufen”. Auch in den Beziehungen zwischen Nathan und Adelaide sowie Sarah und Sky Masterson geht es darum, wie eigene Bilder auf andere projiziert werden und warum Veränderungswünsche meist beim anderen und nicht bei einem selbst ansetzen.

Es kommt wie es kommen muss, denn das Stück ist aus dem Jahr 1950. Adelaide heiratet Nathan und Sarah wird mit dem Edelganoven Sky Masterson glücklich. Alles gut, Ende gut. Ein vergnüglicher Theaterabend mit einer herausragenden Sigrid Hauser. Hatschi!

Samstag, 12. Juli 2014

Tatort: Mödling 1111 - Ein spektakulärer Stadtspaziergang

Drei Stunden für 1111 Jahre. An 11 Schauplätzen erzählt das Schauspielteam von Kunst&Kultur “Gschichtln” aus Mödling, anlässlich eines so gar nicht runden Geburtstags. Und es ist eine ganze Menge Theaterstoff, den Autorin Nici Neiss da zusammengetragen und in ein Stationentheater gepackt hat.
Im Beethovenhaus: Frau Tuschek ärgert sich über
Beethovens Klavierspiel. Foto: Marcus Marschalek
Vielleicht sogar eine Spur zu viel. Hin und wieder schaut man auf die Uhr, doch dazwischen gibt es viele Momente, wo die Zeit wie im Flug vergeht, wo das Ensamble sein Publikum zu packen versteht.

Masken, Tanz und Kasperl


Da gibt es ein K&K Kasperltheater im Krawany-Hof: “Seid ihr auch alle da?” Nici Neiss versteht es ihrem Kasperl, den sie auch selber spielt, fast dämonische Präsenz zu verleihen. Verzaubert und hörig schaut das Publikum zu, um nach dem dramatischen Auftritt von Kronprinz Rudolf, vom Kasperl weiter zum nächsten Spielort geschickt zu werden. “Husch, husch,” scheucht der Kasperl sein Zuseher vor sich her. 11 Schauspieler und Schauspielerinnen schlüpfen an diesem Abend in 40 Rollen und haben ein gutes Gespür für die Balance zwischen Dramatik und Humor. Während des gesamten Abends schaffen sie es fast immer die Spannung zu halten und das Publikum neugierig zum nächsten Spielort zu treiben.
Ein eindrucksvoller Kasperl im K&K Theater
Foto: Marcus Marschalek

Stark sind die Szenen über die Kriegsheimkehrer am Brunnen in der Brühlerstraße oder über die Judenverfolgung in Mödling. Beklemmend der Gang von St. Otmar durch die Kirchengasse. Hier rufen Zeitungsjungen, werden Transparente entrollt und es wird lautstark protestiert. Als Publikum ist man plötzlich mitten im Geschehen und kann in der engen Gasse nicht ausweichen, der “Zeitreise” nicht entkommen. Aber das Stück bleibt nicht in der Geschichte stecken. Vieles wirkt erstaunlich aktuell. Beschwerden über zu lautes Musizieren von Beethoven oder der erfolglose Kampf von Anton Wildgans gegen Korruption im Burgtheater, könnten auch gerade aktuell passieren.


Geschichte und Gegenwart im rechten Maß


Dass Menschen lieben und hassen, denunzieren und eigene Vorteile suchen, für Ideale einstehen, andere Ausgrenzen, sich vor Fremden fürchten, Intrigen spinnen, heiraten und morden, an all dem scheint sich durch die Jahrhunderte nicht viel verändert zu haben. Inszenierung und Text haben da ein gutes Gefühl Geschichte und Gegenwart im rechten Maß zu verbinden und laufen nicht in die Falle kabarettistischer Schenkelklopferpointen.
Der Graml-Toni erzählt vom Justizirrtum am Kirchplatz
vor St. Otmar. Foto: Marcus Marschalek

Ein starker Momente auch die Begegnung mit der Pest. Ohne szenische Darstellung, nur mit allerlei Stimmakrobatik wird man hier akustisch geküsst und es läuft einem warum und kalt über den Rücken und auch hier gelingt es die Jahrhunderte zu verbinden und das Publikum zwischen Nachdenken und Schmunzeln in Schwebe zu halten.

Wenig Mittel, viel Output


Natürlich merkt man immer wieder, dass diesem szenischen Stadtspaziergang die Mitteln einer großen teuren Produktion fehlen. An manchen Szenen hätte man durchaus noch feilen können. Die Tanzeinlagen der Schlussrevue wirken noch ein bisschen nach Laienbühne und würden noch einige Probenarbeit vertragen.
"Heute Krieg, morgen Sieg" rufen die begeisterten Mödlinger.
Ein paar Monate später sind viele tot, die Überlebenden
verletzt an Leib und Seele. Foto: Marcus Marschalek

Dennoch ist das fast unmögliche gelungen: 1111 Jahre und 40 Personen mit ihren Geschichten in einen interessanten Theaterabend zu verweben, ist eher ein Vorhaben, dass von vornherein hätte scheitern müssen. Doch Musik und Kostüm schaffen eine gekonnte Verbindung zwischen den Szenen und Figuren. Und wer sich auf die Begegnung, etwa mit der Anningerwirtin, Bürgermeister Thoma, Kaiserin Sisi, Ordensschwester Restituta oder auch Musiker Falco und vielen anderen, in Mödling einst lebenden Menschen einlässt, wird nicht enttäuscht.






Montag, 7. Juli 2014

"Der Zerrissene": Die Antithese zu “Geld macht glücklich”

Bei den Schloss-Spielen in Kobersdorf steht heuer “Der Zerrissene” von Johann Nestroy auf dem Programm. Auf der Bühne geht es um spannende Charaktere, die alles etwas wollen, was sie im Augenblick aber nicht haben. Und dann geht es auch noch um Erbschleicherei. Fazit: Geld macht verführerisch aber nicht glücklich. Joschi Kirschner hätte noch ergänzt, “aber man soll rechtzeitig drauf schaun, dass man’s hat, wenn man’s braucht”.

Gluthammer und Gutsverwalter Krautkopf. Foto: ORF
Da gibt es einen Schmied namens Gluthammer, dargestellt von Wolfgang Böck, der Eisengitter montieren und Hämmer schwingen soll. Doch Gluthammer träumt vom Modegeschäft und der süßen Liebe zu Madame Schleyer. Dann gibt es einen gelangweilten Kapitalisten namens Lips, gespielt von Fritz Hammel, der gerne alles wäre, nur nicht reich, denn er spürt das Leben nicht mehr. Und dann tritt auch noch Kathi auf die Bühne: Brav und bieder, dargestellt von Sarah Jeanne Babits. Kathi will verruchter, durchtriebener sein, mag ihr konservatives und eintöniges Lebensmodell aufgeben. Es sind spannende Charaktere, die Johann Nestroy da in seiner Posse „Der Zerrissene“ auf die Bühne stellt. Menschen die im Leben nicht dort stehen, wo sie gerne stehen wollen, die hin und her gerissen sind zwischen Sehnsucht und Wirklichkeit, zwischen der Konsequenz etwas zu verändern und den Bequemlichkeiten und Zwängen des Alltags.

Zerstörte Tiefe


Doch was Regisseurin Christine Wipplinger im ersten Teil des Stückes an Tiefe aufbaut, zerstört sie im zweiten Teil ihrer Inszenierung. Wolfgang Böck macht nach der Pause aus seiner vielschichtigen Figur des Schmieds einen torkelnden Landstreicher, der schon besoffen ist, noch bevor er einen Doppler Wein leert. Vom unzufriedenen Kapitalisten Lips bleibt ein unsicherer und dummer „Knecht“ über. Kathi wiederum verfällt in tiefe Trauer über den vermeintlichen Tod beider. Das Stück macht seinem Namen alle Ehre: Zerrissen wirkt es in zwei Teile. Fast so, als hätte man die Schauspieler ausgetauscht. Eigentlich eine geniale Idee, würde die Zerrissenheit nicht durch Flachheit erzeugt. Aus den Figuren werden Persiflagen ihrer selbst. Böck torkelt mehr und mehr über und unter die Bühne und lustig schreitet das Stück mit „Tür auf und Tür zu“ voran. „Schnell ermittelt“-Kommissar Wolf Bachofner gibt den despotischen Gutsbesitzer Krautkopf doch in seiner Darstellung ist der eher eine Lachnummer. Dem Publikum gefällt es.

Beeindruckend: Die Arkarden sind Teil der Bühne. Foto: ORF
Doch bevor sich die Figuren so dramatisch verändern, passiert ein offensichtlich prägendes Ereignis. In einem Gerangel stürzen Lips und Gluthammer in den Burggraben. Alle auf der Bühne glauben, dass sie tot sind und die beiden in wirklich unversehrt Abgestürzten, glauben das vom jeweils anderen auch. Um nicht als Mörder angeklagt zu werden, verstecken sie sich. Das verändert die beiden stark. Doch als Publikum darf man an diesem spannenden Prozess der Veränderung nicht teilhaben. Auch nicht daran, warum etwas später Lips für Kathi entflammt. Irgendwie hat man den Eindruck, dass hier verbindendes fehlt, große Lücken im Stück klaffen. Und dann, nach allerlei Verwechslungen, das plötzliche „happy end“, das in Kobersdorf so gar nicht glücklich wirkt. Lips macht Kathi einen Heiratsantrag. Im Originalmanuskript sollten sich nun die Beiden in die Arme fallen. Doch in Kobersdorf bleiben sie weit auseinander stehen und Kathi schaut Lips nicht einmal an. Bis zu diesem Moment war Kathis Liebe für Lips das bestimmende Element ihrer Figur. Doch jetzt, wo sie endlich von Lips beachtet und begehrt wird, scheint ihr Interesse an dem reichen Langweiler vorbei. Und für das Publikum heißt es, jetzt, wo es wieder spannend wird, gehen die Scheinwerfer aus.

Ein Spiegel für das Publikum


Neben der Zerrissenheit seiner Figuren hält Nestroy seinem Publikum einen Spiegel vor und predigt, dass Reichtum alleine nicht glücklich macht. Reiche haben es schwer um ihrer selbst und nicht wegen ihres Geldes geliebt zu werden. Wer hat noch nie wegen eines finanziellen Vorteils, oder beruflichen Vorankommens eine Schleimspur geIegt? In Kobersdorf darf sich das Publikum im ersten Akt in einer Spiegelpyramide auf der Bühne betrachten und sich immer wieder, auch in den „Freunden“ von Lips, selbst erkennen. Reflexion ist unbequem und so sind auch einige aus dem Publikum in der Pause wenig begeistert von dieser Inszenierung. Nach dem zweiten Teil dann mehr Applaus. Mehr Slapstik, ein paar theatralische und viel zu oft wiederholte Gesten helfen, sich nicht allzu tief mit dem Sinn und der ernsten Thematik des Stückes auseinanderzusetzen.
Kathi und Lips. Foto: ORF

Ein bisschen ratlos verlässt man den Schlosshof von Kobersdorf. Man ist hin und hergerissen zwischen Begeisterung für das Ambiente, lustigen Szenen, gelungenen musikalischen Einlagen und auf der anderen Seite antiquiertem Slapstick in peinlich überzeichnetem Hans-Moser-Stil und selbstverliebten Tollpatscheleien auf der Bühne. Hier wurde vieles angerissen, aber von Zerreißen keine Spur. In Kobersdorf lässt man leider Tiefe nicht zu. Die Figuren Gluthammer und Lips überleben die Fluten, ertrinken aber in ihrer Seichtheit.

Donnerstag, 29. Mai 2014

Popkornkino als Anleitung zum Verlassen von “Zeitschleifen”



Das soll noch jemand sagen, man könne aus der Geschichte nichts lernen. Tom Cruise, alias Major Bill Cage, kann das, oder besser gesagt, er muss das, denn er ist im Alien-Spektakel “Edge of Tomorrow” in einer “Zeitschleife” gefangen. Was im Promotion-Trailer noch wie ein beliebiger Hollywood-Tschin-Bum-Krach-Blockbuster daherkommt, ist eine interessant gestaltete Und-Täglich-Grüßt-Das-Murmeltier Geschichte.
David James - © (c) 2013 Warner Bros. Entertainment Inc.

Hunderte Male muss Tom Cruis immer wieder zurück zum Start. Wie in einem Computerspiel arbeitet er sich langsam vorwärts, von Level zu Level. Die Geschichte ist so simpel, wie schnell erzählt. Außerirdische hochintelligente Spinnenwesen bedrohen die Erde und Bill macht sich an die Rettung der Menschheit.

Die Stärke und das Faszinierende von Film war schon immer die Aufhebung der Gesetzmäßigkeit von Zeit. Das Medium Film kann ganze Epochen in wenigen Minuten erzählen und ein Schnitt genügt und man ist in der Zukunft oder Vergangenheit. Regisseur Doug Liman setzt diese Schnitte gekonnt und er hat dabei Humor. Fein dosiert setzt er seine Pointen. Bill Cage durchlebt immer wieder die selben Situationen, doch er verändert nach und nach sein Verhalten und das verändert die Menschen rund um ihn.

Verfangen im Alltag


Was im Film zum Sieg über die bösen Spinnen führt, kann in unserem realen Alltag vielleicht auch aus den vielen “Zeitschleifen” helfen, in denen wir uns befinden. Täglich der gleiche Weg in die Arbeit, die gleichen Kolleginnen und Kollegen im Büro und nach ein paar Wochen haben wir sie alle eingeteilt und fein säuberlich in “Schubladen” abgelegt. Es sind immer wieder die gleichen Konflikte, etwa über Geschirrabwaschen und Wäschezusammenlegen, die den Alltag auch daheim so mühsam machen können. Vieles läuft auch in der realen Welt immer wieder nach den gleichen “Gesetzmäßigkeiten” ab und wir wissen eigentlich schon vorher, wie die anderen reagieren werden.

Bill Cage nutzt dieses Wissen, um sich nicht vorher schon über die anderen zu ärgern, sondern um aus einem Haufen unsympathischer Soldaten, ein schlagkräftiges Team zu formen. Veränderung findet statt, indem man sein eigenes Verhalten ändert. Eine wichtige Erkenntnis. Und Veränderung geht nicht von heute auf morgen, dazu braucht es Know-how, Training und Übung, lehrt uns der Film so nebenbei. Bill Cage will die dunkle Bedrohung der Spinnen beenden. Aus dem ängstlichen Werbegrafiker entwickelt sich Bill, mit Hilfe der Elitesoldatin Rita, zum Retter der Menschheit.

Emily Blunt: kühl und unnahbar


Tom Cruise ist ja nicht gerade für reiche Mimik und facettenreiches Schauspiel bekannt, doch er passt ganz gut in diesen Film und Schauspielkollegin Emily Blunt unternimmt auch alles um, als “kühle” und ausschließlich auf den Kampf fokusierte Soldatin, ihm nicht mit Emotionen die Schau zu stehlen.

Die schnellen Schnitte, vor allem der Kampfszenen gegen Ende des Spektakels und das unablässige Wummern der Dolby-Surrund-Kracher, sowie die wackelige Handkamera im Gefecht, sind durchaus eine Herausforderung. Aber man muss nicht unbedingt Alien-Filme auf großen Leinwänden mögen, um diesen Streifen dennoch gut zu finden. Mein Fazit: Vergnügliches Popkornkino mit Anleitung zum Verlassen von “Zeitschleifen”.


Sonntag, 6. April 2014

Der Alpenkönig und der Menschenfeind

Foto: Reinhard Werner, Burgtheater
Eine große Spiegelwand wird aus dem Schnürboden auf die Bühne abgesenkt und fortan kann man sich als Publikum stetig sehen, vielleicht auch hin und wieder erkennen. Manchmal braucht es die Hilfe von außen, um den Schritt auf die Seite, den Blick in den Spiegel zu wagen.


Davon handelt also der Alpenkönig und Menschenfeind von Ferdinand Raimund, der darin vieles über sein eigenes Seelenleben offenbart. Was da so leicht komödiantisch überzeichnet im Burgtheater auf der Bühne spielt, spiegelt festgefahrene Lebenssituationen vieler, die in ihrer Haut feststecken und sich hinter immer dicker werdenden Hornhautschichten verbergen. Alles wird stetig schlimmer, jeder bleibt bei seinen Mustern, das Leben wird unerträglich, auf Veränderung hofft man, hat aber jeden Glauben bereits daran aufgegeben. So groß auch die Pein ist, vor einem Aufbruch fürchtet man sich noch mehr.


Daher auch groß die Furcht vor dem Alpenkönig, dem unbekannten Zauberer, der verändern kann. Dämonisch blutverschmiert und dann wider liebenswürdig engelhaft zeigt er sich. 40 Jahre altern soll man, wenn man in sein Antlitz schaut. Vielleicht wird man auch nur 40 Jahre reifer, wenn man es wagt in seine Augen zu schauen und dort die eigene Seele erkennt. Doch warum nützt Herrn Rappelkopf der schon oft zuvor getane Blick in den Spiegel nicht? Vielleicht, weil das “ich” immer auch ein “du” braucht?
Foto: Reinhard Werner, Burgtheater


Im Burgtheater spielen Johannes Krisch und Cornelius Obonya sehr überzeugend, wenngleich die Facetten und Nuancen bei Obonyas Menschenfeind Rappelkopf im zweiten Akt leider etwas verschwinden. Die leichte Länge im Stück, von dem man bald ahnt wie es ausgeht, lässt sich auch durch noch so schnelles Wechseln zwischen inneren und äußeren Dialogen nicht beseitigen. Und im gehetzten Zerrissensein wird Obonya dann doch etwas langweilig, obwohl er sich windet, alle möglichen Verrenkungen vollzieht und hin und wieder über die Bühne springt.


Genial sind Regina Fritsch als Rappelkopfs Frau und Marthe Glühwurm sowie Johann Oest als Habakuk. Eine sehr positive Überraschung war die Musik von Eva Jantschitsch.

Sind Alpenkönig und Menschenfeind eine Person? Steckt in jedem Menschen ein Zauberer, der dämonisch verfluchen oder engelhaft retten kann? Aber warum nützen dann im ersten Akt die vielen Blicke in den Spiegel nicht, um dieses Potential zu erkennen? Zu sehen, dass Menschen nicht Diener ihrer Triebe, sondern Könige, Herrscher ihres Handelns sind. Ist es, weil das “ich” sich als "ich" nicht selbst erkennen kann? Es braucht also das “du” als spiegelndes Gegenüber und zwar ein "du", das ringt, das initiativ wird, das nicht nur schönredet, sondern durchaus unbequem und aktiv ist. Im Blick auf ein "du" kann also das "ich" sich erkennen und kann magische Veränderung beginnen. Und dieses du sollten wir uns gegenseitig sein.

Freitag, 28. Februar 2014

Erfolgsgeschichte: Slumbewohner werden Bürger von Kamissagoth

Zum Field-Office kommen schon in der Früh die ersten Patienten. Sie holen sich hier ihre Lepra-Medikamente und werden folgeuntersucht. Auch Lepra-Verdachtsfälle werden hier gemeldet und erstuntersucht. Was ich jetzt erst erfahre: Lepra ist unbehandelt hoch ansteckend, auch für mich!

In 50 Jahren hat es Ruth Pfau und ihr Team geschafft die Lepra in Pakistan in den Griff zu bekommen. Immer weniger neue Lepraerkrankungen werden gemeldet. Dennoch gibt es viel zu tun. In vielen Regionen sind ehemalige Leprapatienten noch immer geächtet und aus dem Familienverband verstoßen. Von außen sind sie mit ihren verstümmelten Händen und Füßen und den Zeichnungen im Gesicht sofort erkennbar. Viele können keiner Arbeit mehr nachgehen, sind auf Hilfe im Alltag angewiesen. Das MALC betreibt daher Häuser, in denen ehemalige Leprapatienten versorgt werden und nicht nach dem Spital wieder auf der Straße landen müssen. Dennoch hat sich Ruth Pfau und ihr Team auch nach neuen Betätigungsfeldern umgesehen und in den dunklen kleinen fensterlosen Zimmern vieler Familien reichlich Arbeit gefunden. In Pakistan gibt es viele behinderte Menschen, die vor der Gesellschaft wegsperrt werden. Ich erfahre, dass ein Grund für die hohe Anzahl von Behinderungen durchaus in der üblichen Heirat innerhalb der Familien liegt.

Selbstgespräche


Claudia Viallani mit einer psychisch kranken Patientin
Claudia Villani betreut eine psychisch kranke Patientin
In einem Hinterhof spricht eine Frau mit sich selbst und lacht in sich hinein. Ihr ebenfalls weit über 20 Jahre alter Bruder hingegen sitzt teilnahmsloser am Boden. Die beiden geistig eingeschränkten jungen Menschen leben in ihrer Familie und werden durch das MALC betreut. Eine ordentliche Anamnese, um die Medikamente einzustellen, ist schwierig. Egal was man fragt, die Antwort lautet meistens „Ja“. 

Zwei Familien teilen sich hier zwei Zimmer und einen kleinen Hof mit Stall. Es ist Vormittag und alle sind zu Hause. Arbeit ist hier Mangelware. Mit einem kleinen Hammer zerschlägt einer der Söhne im Hof alte kaputte Steckdosen und sammelt die winzig kleinen Kupferteile in einem zerschlissenen Plastiksack. Der Verkauf des Altmetalls ist seine einzige Chance auf ein paar Rupee für heute. Mehrmals erklären Claudia Villani, Ruth Pfau und eine weitere MALC-Mitarbeiterin die Medikamentengabe, dann geht es weiter zur nächsten Familie.

Weggesperrt


Einer Familie mit vier behinderten Mädchen wird geholfen
Vier behinderte Mädchen im alter von 20 bis 4 Jahre leben auch hier auf engstem Raum. Die Einzimmerwohnung ist über eine eineinhalb Meter breiten Gasse zu erreichen. Auch hier hat das Zimmer kein Fenster, ist alles dunkel und stickig. Obwohl gerade sichtlich frisch aufgewaschen wurde, liegt der beißende Geruch von Urin in der Luft. Das letzt Mal sei es viel, viel schlimmer gewesen, erzählt mir Claudia Villani. Doch seit MALC der Familie eine „Heimhilfe“ für umgerechnet 60 Euro im Monat organisiert habe, kann die Mutter den Alltag besser schaffen und man merke, wie es allen besser gehe. Die Familie stammt aus dem Norden des Landes und musste fliehen, weil die behinderten Kinder und ihre Mutter als Schande für den Klan gesehen wurden. Der Ehemann stand zu seiner Frau und den Kindern und ging mit – ungewöhnlich! Jetzt arbeitet er fast rund um die Uhr als LKW Fahrer, dennoch reicht das Geld nicht, um genügen Essen für alle zu kaufen. 

Als man der Familie die Heimhilfe vor ein paar Wochen anbot, war sie verlegen. Es dauerte eine Weile, bis klar wurde, dass die Familie das Geld nicht für eine Heimhilfe ausgeben wollte, sondern für dringend benötigte Lebensmittel. Schließlich konnte man vom MALC beides sponsern. Jetzt geht es darum den Kindern ab und zu Tageslicht zu ermöglichen. Mit Hilfe eines Rollstuhls sollen kurze Ausfahrten für die Mädchen, die nicht gehen können, möglich werden. Das Team beschließt die Anschaffung eines Rollstuhls vor Ort und Stelle, doch MALC ist eine große Organisation mit genauer Buchführung. So muss zuerst alles den richtigen Verwaltungsweg gehen, braucht mehrere Unterschriften und Genehmigungen der Bereichsleiter. Dann soll einer Ausfahrt für die Kinder aber nichts mehr im Wege stehen, außer vielleicht die schottrigen Gassen und Straßen vor der Tür, mit ihren zahlreichen Löchern, Müllbergen und Gatschpfütze.

Highway to hell


Zurück geht es über den neuen Highway. Und der ist im Vergleich zu allen anderen Straßen im Land wirklich eine Wohltat. Ihn haben aber auch Millionen Flutopfer 2010 benutzt, um nach Karachi zu kommen, zu Fuß und nicht mit dem Auto. Claudia Villani erzählt mir schreckliche Geschichten. Alle waren mit der Situation damals überfordert. Überall schwache und sterbende Menschen. Millionen Flüchtlinge seit Tagen ohne Nahrung und sauberes Wasser. Beim Verteilen der wenigen Hilfsgüter, anbetracht der Menschenmengen, kam es zu heftigen Tumulten. Claudia entdeckte ein fast verdurstetes kleines Kind, zu schwach um noch zu Schlucken. Die einzige Chance auf Rettung, eine Infusion im nahen öffentlichen Spital. Ein Kampf um Minuten beginnt. Doch im staatlichen Spital muss man die Medikamente zuvor an der Apotheke selber kaufen. Das Organisieren von ausreichend Geld und das Anstellen in der Schlage vor der Apotheke waren dann genau die Minuten zu viel. Das Mädchen starb. Situationen, die man sein Leben lang nicht mehr aus dem Kopf bekommt.

Geächtet am Fluss


Durch Karachi zieht sich der Lyari River. Sein einstmals breites Flussbett wurde in mittlerweile rissige, teilweise eingefallene Betonwände gezwängt, darüber auf Stelzen ein Expressway für Autos gebaut. Das Wasser des Flusses gleicht ist braune Dreckbrühe, die sich stinkend durch die Stadt zieht. Viele Millionen Menschen entsorgen ihren Abfall direkt in den Fluss. Aber auch viele Tausend Menschen leben direkt am Fluss, kochen mit dem Wasser vom Fluss und waschen hier ihre Wäsche. Daneben „weiden“ Kühe auf den vom Wasser langsam verschobenen Müllbergen. Viele Jahre lang gab es hier eine Hindu-Siedlung. Jährlich wurden ihre Karton- und Blechhütten vom Hochwasser weggeschwämmt.  Ruth Pfau und ihr Team kauften schließlich ein Stück Land in Kamissagoth und mit Hilfe von Geldern der Caritas in St. Pölten, konnten dort kleine Häuser gebaut werden.
DIe Situation hat sich gewandelt. Viele
Slumbewohner haben nun eigene kleine Häuser

Projektkoordinatorin dort ist Aqsa Enwea, eine kluge tatkräftige Frau mit viel Mut. Sie erzählt mir von der Überzeugungsarbeit, die sie leisten musste, um die Situation zu ändern. Oftmals hat sie sich mit den Familien getroffen, musste diskutieren, wurde bedroht und beschimpft, gab aber nie auf. Heute führt sie mich stolz durch Kamissagoth. In der Mitte der kleinen Siedlung steht nun eine mehrstöckige Schule. Die kleinen Häuser sind gepflegt, die Höfe und Gassen der ehemaligen Slumfamilien gefegt. Müll findet man hier kaum mehr. Viele ehemalige Flussfamilien haben hier ein neues Leben begonnen und viele sogar Arbeit gefunden. MALC hat hier ein sehr umfassendes Programm gestartet. Medizinische Betreuung, Zugang zu Bildung, Verbesserung der Wohnsituation, Kurse in Hygiene, Familienplanung für die Erwachsenen. 

Aus den geächteten Hindus am Fluss, die Ärmsten von den Armen, wurde eine achtbare Gemeinde, die mir voll Selbstbewusstsein ihre Häuser zeigt. Und Aqsa Enwea, selbst Katholikin, bemüht sich sehr um religiösen Dialog. Mittlerweile gibt es in der Schule auch Muslime und Christen. Die medizinische Anlaufstelle in Kamissagoth und das Nahrungsprogramm wird ebenfalls von allen Religionen gemeinsam genützt. In der Früh beten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die ebenfalls verschiedenen Religionen und Konfessionen angehören gemeinsam. Aus jeder Religion wird ein heiliger Text vorgelesen. Dann geht es an die Arbeit für die Menschen in Kamissagoth.


Erster Teil: Bei Ruth Pfau in Pakistan

Zweiter Teil: Pünktlichkeit und deutscher Humor in Pakistan
Dritter Teil: Erfolgsgeschichte: Slumbewohner werden Bürger von Kamissagoth

Mittwoch, 26. Februar 2014

Pünktlichkeit und deutscher Humor in Pakistan

Ruth Pfau
Ruth Pfau, 84 Jahre, in Leibzig geboren.
Sie lebt seit 50 Jahren in Pakistan.
Ruth Pfau ist Deutsche. Und das merkt man vor allem an ihrem Hang zur Pünktlichkeit. Für 6.30 Uhr in der Früh ist die Abfahrt nach Hayderabat vereinbart. Ruth Pfau sitzt bereits um 6.20 Uhr im Wagen und spätestens um 6.25 Uhr wird sie ungeduldig und fragt, warum die anderen zu spät kommen. Ihre pakistanischen Mitarbeiter können unzählige Geschichten dazu erzählen. Auch von ihrem unermüdlichen Fleiß. Ihr Arbeitseifer ist immer noch ein bisschen gefürchtet. Ihr Lieblingsmonat sei der Ramadan, so Mervyn Lobo, der jetzige CEO von Ruth Pfaus Hilfswerk, denn da müsse man keine Mittagspause machen und könne durcharbeiten, zitiert er sein großes Vorbild mit einem leichten Grinsen im Gesicht. Und nachdem das Team einmal 14 Stunden ohne Pause durchgearbeitet hatte und ein Kollege am nächsten Tag nur fünf Minuten nach sieben Uhr in der Früh zu spät erschien, pflegte Ruth Pfau bereits einen „guten Abend“ zu wünschen. Ob ernst oder witzig gemeint weiß man nie genau. Deutscher Humor ist weder für Pakistanis noch für Österreicher immer klar von Rüge und Vorwurf zu trennen. Aber der Fleiß von Pfau und ihrem Team hat sich ausgezahlt. Nach 50 Jahren Einsatz ist die Lepra in Pakistan unter Kontrolle.

Abfahrt nach Thatta um 6.30 Uhr in der Früh

Ein Jeep wie eine Sardinendose


Ruth Pfau sitzt vorne im Jeep. Mithilfe eines Schemels schafft sie den Einstieg über die Hohe Bodenkante. Es rührt mich, als ich später erfahre, dass sich die 84 jährige Frau ernsthaft überlegt hat mir, ihrem Gast, den Platz vorne zur Verfügung zu stellen. Zu den hinteren Plätzen kommt man nur mit einem komplizierten Schlichtungssystem. Einstieg durch die Heckklappe, überwinden mehrerer Kisten, zusammenklappen der Füße und schließlich Einschlichten in der zweiten Reihe. Ich frage mich ernsthaft, wie sich die Konstrukteure von Jeeps das Besteigen ohne Hintertüren gedacht haben. Aber über die Funktionalität von so manchem, sollte man sich vielleicht lieber keine Gedanken machen.

Es dauert also ein wenig, bis wir alle geschlichtet sind und der Jeep vollbesetzt mit acht Personen losfährt.
Die letzten Kilometer zum Ziel geht es über Sandpisten
Am Stadtrand von Karachi geht gerade die Sonne auf und im Morgenlicht können die staubigen Gassen, die qualmenden Misthaufen und unübersehbaren Müllhalden durchaus betören. Doch Romantik und Verklärung ist nichts für Ruth Pfau und so lasse ich es auch lieber bleiben. Mit dem ersten Licht füllen sich die Straßen innerhalb weniger Minuten. Im Finstern waren wir noch fast alleine unterwegs, jetzt stauen sich bereits bunt bemalte LKWs, Motorräder, ein paar PKWs und dazwischen Eselskarren.

Leprasymptome aber keine Diagnose


Unser Ziel ist ein Großfamilie im Gebiet von Thatta. Die letzten Kilometer geht es über staubige Feldwege. Hierher wurde Ruth Pfau vor sechs Wochen zu vermeintlichen Leprafällen gerufen. Fünf Burschen und drei Mädchen der Familie, im Alter von 23 bis 4 Jahren, hatten Symptome von Lepra an Händen, Füßen und Gesicht. Zur besseren Diagnose wurden die Kinder und die jungen Erwachsenen ins MALC-Spital nach Karachi gebracht. Hände und Füße der Patient sind schon fast vollständig verstümmelt. Die Nase lepratypisch deformiert. Nach eingehenden Untersuchungen weiß man aber jetzt, dass es ziemlich Sicher nicht Lepra ist. Aber was ist es dann? Dem will Ruth Pfau und ihr Team nun genauer nachgehen und einige Familienmitglieder befragen.

Ruth Pfau untersucht ein Kind
Ruth Pfau untersucht ein krankes Kind in Thatta
Die einfache Hütte der Familie wirkt gepflegt. Der Boden ist sauber gekehrt, ein gut bestellter Acker befindet sich gleich daneben. Und es gibt Hühner und Ochsen. Im vergleich zu den Slums der Großstadt wirkt das hier fast wie Idylle auf mich. Doch der Schein trügt. Als Ruth Pfau vor sechs Wochen das erste Mal hier war, waren alle dramatisch unterernährt. Der kleine Acker kann die große Familie nicht ernähren. Immer mehr Kinder, Jugendliche, Erwachsene kommen herbei und umringen Ruth Pfau. Das Land gehört der Familie nicht, erfahren wir. Als Mieter müssen sie die Hälfte des Ertrages vom Acker abgeben. Das heißt, etwa ab der Mitte des Jahres hat die Familie nichts mehr zu essen. Zumindest in den letzten sechs Wochen wurden sie vom MALC mit Lebensmitteln unterstützt.


Ruth Pfau beginnt mit ihrem Team eine Anamnese. Fast zwei Stunden werden die Familienmitglieder befragt. Kein leichtes Unterfangen, denn in Pakistan spricht man über 40 verschiedene Sprachen. So wird meist drei- bis viermal „um die Ecke“ übersetzt. Stellt man dann die Kontrollfragen, klingt vieles wieder gegensätzlich zur vorherigen Antwort. Vermutungen, dass giftiges Wasser oder Unterernährung für die der Lepra ähnlichen Symptome verantwortliche sein könnten, erhärten sich nicht. Das Team ist ratlos und man beschließt vorerst die acht Patienten nach der Erstversorgung wieder zurück zur Familie aufs Land zu schicken. Ruth Pfau besteht aber auf eine nachhaltige Lösung: Zumindest das Problem der dramatische Unterernährung der Familie muss gelöst werden. Zwei von den gesunden Söhnen arbeiten als Fahrer von Motorrikschas, kleinen Motorradtaxis. Doch nach Abzug des Mietpreises von 500 Rupee, bleibt auch davon nicht viel der Familie. Es wird also beschlossen zwei Motorrikschas zur Verfügung zu stellen. Ziel ist es, dass somit die Familie langfristig selbst für die acht behinderten Kinder wird sorgen können.

Gewaltige Schotterstreifen


Das gewaltige Schotterbett des Indus
Weiterfahrt nach Hayderabat. Die Landschaft ist beeindruckend. Weite Ebenen und darin breite Flussbette, die ihre Schotterstreifen durch die Landschaft ziehen. Zur Zeit führt der Indus, der Hauptfluss hier, nur wenig Wasser, aber man kann sich vorstellen, mit welcher gewaltiger Macht die Wassermassen die Landschaft beständig verändern und welche dramatischen Auswirkungen das Hochwasser im Juli 2010 auf die Menschen hatte. 

Über mehrere Monate ist das Wasser überall auf den Feldern gestanden und als es weg war, hat die Sonne innerhalb von kurzer Zeit den eigentlich fruchtbaren Schlamm so rasch getrocknet, dass ein Bestellen des Bodens unmöglich war. Wie betoniert waren die Felder. Mit Handarbeit und Ochsenpflug war da nicht viel auszurichten. Die wenigen Maschinen für die Feldarbeit, sind im Besitz der „Landlords“ und die lassen sich die Miete ordentlich bezahlen. Keine Chance also für die meist armen Bauernfamilien.


Rast nur für Männer


Viel ist nicht los auf der alten Straße zwischen Karachi und Hayderabat. Hin und wieder ein bunt bemalter LKW, der kunstvoll aufgeschlichtet, die Last für mindestens zwei weitere Fuhren aufeinmal trägt. Durch die schwere Ladung doppelt so breit und dreimal so hoch, begegnen uns diese fahrenden Eisenkisten im Schritttempo, so schwarz rauchend, dass man eigentlich meinen könnte, LKW und Ladung sind bereits im Vollbrand. Auf der Seite immer wieder Truck-Stopps. Auch wir machen dort Rast.

Doch Truckstopps sind eigentlich nur für Männer. Sie sitzen von der Sonne geschützt unter Planen, trinken Tee und werden bedient. Frauen bleiben entweder im Auto oder dürfen sich in einen stickigen Nebenraum ohne Fenster und Ventilator zurückziehen. Ruth Pfau wäre aber nicht Ruth Pfau, würde sie nicht eine Lösung finden. Kurzerhand wird ein Tisch aus dem Männerbereich in den Schatten von ein paar Bäumen neben die Raststätte gestellt. Perfekt!

Rund um die Städte Kotri und Hayderabat wird es wieder schmutziger. Nicht, dass es am Land nicht auch Unmengen an Plastik in der Landschaft verteilt gibt, doch in und rund um die Städte ist das Verhältnis Plastik und Landschaft eindeutig zu Gunsten des Plastiks.

In Hayderabat übernachten wir im Field-Office von MALC. Die Verantwortlichen erwarten uns schon und freuen sich über den Besuch von Ruth Pfau.

Königlicher Gast in alten Laken


Ich bekomme das beste Zimmer. Der Gast ist hier König. Die Fenster haben teilweise kein Glas und so kommt unablässig ganz feiner Staub ins Zimmer. Innerhalb weniger Stunden ist mein Equipment sichtlich davon überzogen, ganz zu schweigen von dem Bett. Überall fühlt man das feine Reiben und es knirscht zwischen den Zähnen. Dass Bettzeug wirkt schon mehrfach verwendet, das ist hier üblich und daran muss man sich erst gewöhnen. Bettzeugwechsel gibt es hier eigentlich nicht, denn es gibt ja nur eine Garnitur. Und nachdem ich gesehen habe, dass viele hier ihre Wäsche im Fluss waschen, und am Boden ausgelegt trocknen, bin ich mir gar nicht sicher was das kleinere Übel ist? Augen zu und durch. 


Erster Teil: Bei Ruth Pfau in Pakistan
Zweiter Teil: Pünktlichkeit und deutscher Humor in Pakistan
Dritter Teil: Erfolgsgeschichte: Slumbewohner werden Bürger von Kamissagoth