Dienstag, 9. Dezember 2014

Neuer Woody-Allen-Film entzaubert "Geisterwelt"

Woody Allens neuer Film “Magic in the moonlight” startet als Liebesgeschichte zum Schmunzeln, entpuppt sich aber rasch als tiefschürfender Dialog zwischen Materialismus und Spiritismus. Die ersten Bilder von "Magic in the moonlight" zeigen eine Bühne im Berlin der 1920er Jahre. Dort vollbringt ein chinesischer Magier vermeintliche Wunder. Er lässt einen Elefanten vor den Augen des Publikums verschwinden, seine Assistentinnen werden zersägt und bleiben dennoch heil. Unerklärlich, nahezu unglaublich was da auf der Bühne des Varietes passiert. Ist das alles Trick oder hat da jemand tatsächlich übernatürliche Fähigkeiten?
Colin Firth spielt den Starmagier Stanley Crawford 
und Emma Stone gibt das mit der Geisterwelt kommunizierende Medium Sophie
Foto: Gravier Productions / Jack English

Rund 100 Jahre später kennt zumindest das Kinopublikum die Antwort und lässt sich nicht verführen. Rauben Einblicke in Wissenschaft und moderne Technik die Illusion und nimmt Rationalität die magischen Momente? Schnell wird klar, dass Allens Variete-Kulisse durchaus für mehr steht, als ein verstaubtes Theater im alten Berlin. Gut verpackt in einer Komödie greift Allen das Thema "Sein und Schein" auf und stellt die Frage, was denn Illusion und was Wirklichkeit sei. Dabei wagt er sich bis in die Bereiche der Religionen vor.

Bei “Magic in the moonlight” spielt Colin Firth den Starmagier Stanley Crawford alias Wei Ling Soo und legt ihn als eingebildeten Egoisten an. Als Vorlage für diese Figur hat sich Woody Allen wohl von Harry Houdini inspirieren lassen. Houdini wurde 1874 als Sohn des Rabbiners Samuel Weisz in Budapest geboren. Er machte als Entfesselungskünstler in Europa und später in den USA Karriere. Auch Woody Allens Familie stammt aus dem alten Österreich-Ungarn. Seine Großeltern waren Deutsch und Jiddisch sprechende Immigranten in New York.

Kampf gegen Spiritisten


Der Zauberer Houdini und seine jüdischen Wurzeln sind dem Filmemacher Allen also nicht fremd. In der damals entstehenden Spiritismus-Bewegung hielten viele Menschen Houdinis Zauberkunststücke für übernatürliche Wunder. Houdini bestritt aber immer vehement, dass esoterische Phänomene im Spiel seien und machte den Kampf gegen Spiritisten schließlich zu seiner Lebensaufgabe.

Genauso verhält es sich mit der Figur des Crawford im Film. Als er von einem Freund auf die Amerikanerin Sophie, gespielt von Emma Stone, aufmerksam gemacht wird, fährt er nach Südfrankreich an die Cote d’Azur und will ihre Tricks enttarnen. Doch das geht ordentlich schief, denn auch für ihn, den überzeugten Materialisten, der alles Wirkliche als Materie interpretiert oder von ihr ableitet, bleibt es unerklärlich, wie das junge Medium an all die Visionen gelangen kann. Sind das wirklich die Geister der Verstorbenen, die ihr Wissen über Klopfgeräusche und schwebende Kerzen aus dem Jenseits vermitteln?

Diskurs zwischen Materialismus und Spiritismus


Der aktuelle Allen-Film verzaubert weniger durch die absehbare Liebesgeschichte zwischen Stanley und Sophie, sondern besticht vielmehr durch Dialoge eines Drehbuchs, das hinter der beginnenden Romanze einen spannenden Diskurs zwischen dem philosophischen Materialismus und dem esoterischen Spiritualismus führt. Und hier scheint Allen durchaus reichlich autobiographisches in sein Drehbuch übernommen zu haben. Allen selbst bezeichnet sich als Atheisten, für den es in einem Jenseits nichts zu hoffen gibt. „Furchterregend und düster, ohne Ziel oder jegliche Bedeutung,“ sei ein Leben ohne Glauben an Gott, erzählt er in einem Interview zum neuen Film in der Süddeutschen Zeitung. Sein Leben sei "ohne Hoffnung“.

Allen bleibt bei “Magic in the moonlight” nicht bei der Interpretation von Beziehungen zwischen Menschen hängen, er legt die Rolle des „Stadtneurotikers“ ab und gräbt tiefer, stellt sich der Sinnfrage und beleuchtet, wie sehr man sich täuschen und blenden lassen kann und welche Konsequenzen das hat. Ist es besser ein Leben in Illusion zu führen und daraus Hoffnung und Freude zu schöpfen, oder ist man glücklicher, wenn man die Wahrheit kennt, die aber oft entzaubern kann?

„Kein Freund der Religion“ 


Scheinbar macht sich Allen als Filmemacher dann doch mehr Gedanken über Religion und Glaube, als er es in Interviews immer wieder andeutet, etwa 2012 gegenüber der Neuen Zürcher Zeitung. Damals sagte er, dass ihm Religionen keinen Pfennig wert seien. „Ich glaube nicht an Gott und finde ohnehin alle Religionen dumm,“ wird er wörtlich zitiert.

Doch das Faktum des Endlichen ist in manchen Situationen gar nicht so leicht auszuhalten, wenn man sich nicht tröstend in ein Jenseits flüchten kann, erzählt Allen in „Magic in the moonlight“. Stanley erlebt eine Situation, scheinbar ohne Hoffnung. Er beginnt in seiner Hilflosigkeit erstmals in seinem Leben zu beten und wendet sich an eine übernatürliche, göttliche Macht. Doch so wie Allen, widersteht auch seine Filmfigur schließlich der „magischen Versuchung“ des „Selbstbetrugs“ und landet wieder beim Materialismus.

Stanley wird trotz Krise und Verlorenheit, letztlich doch kein Diener des Transzendenten. Aber Allen bietet auch einen Lösungsansatz für den Konflikt zwischen dem „Begreifbaren“ und dem „Unbegreiflichen“. Indem er Stanley seine Liebe zu Sophia in die Realität umsetzen lässt, werden seine Visionen dann doch wahr und vielleicht sogar ein Stück Himmel auf Erden.

Freitag, 28. November 2014

Liebe und Rationalität

Logik darf man bei "Interstellar" keine erwarten. Das neueste Weltraumepos von Christopher Nolan stellt das Gesetz der Liebe an oberste Stelle. Aber Liebe hat mit Rationalität bekanntlich wenig zu tun. Dafür überwindet die Liebe jede Grenze, selbst die von Raum, Zeit und Gravitation und muss sogar als Erklärung für das Transzendente herhalten. Aber bekanntlich ist ja der Gott der Christen ein liebender.
NASA-Astronaut Cooper (Matthew McConaughey)
Foto: Paramount Pictures

Wieder einmal befindet sich Matthew McConaughey, diesmal in der Person des NASA Piloten Cooper, zwischen All und Erde, zwischen Wissenschaft und Glaube und macht sich auf den Weg in die unendlichen Weiten. Und für den überzeugten Rationalisten ist es gar nicht so leicht zu erkennen, was er nun weiß, glaubt, vermutet, denkt und wo er einfach den anderen nur "auf den Leim" geht.
McConaughey ist zwar seit “Contact” zum guten Schauspieler gereift, Abzüge gibt es aber für sein solarienbraunes Gesicht. Die dafür verantwortlichen Sitzungen vor den UV-Lampen haben seiner Haut nicht gerade gut getan. Tiefe Falten durchfurchen sein mageres Gesicht. Aber auch Anne Hathaway hat man von “Plötzlich Prinzession” hübscher in Erinnerung. Ich will Nachsicht walten lassen, die Beiden fliegen ja jahrelang im Weltall herum, stürzen sich auf fremde Planeten und schleudern durch Galaxien. Das Leben im Raumschiff als hochauflösende Leinwandprojektion ist offensichtlich nicht einfach!
Im Hintergrund von Interstellar steht die Frage nach Glaube und Vertrauen und warum wir so handeln, wie wir handeln. Gibt es so etwas wie selbstloses, “reines”, Tun? Die drei Stunden im Kino vergehen jedenfalls schnell. Insterstellar beinhaltet viele Themen, die eine Nachbetrachtung fordern: Zukunftsangst, Fortschrittsglaube, Rationalität. Ein durchaus gelungener Streifen, aber kein "must have".

Samstag, 22. November 2014

Von der Manipulation "dummer" Massen

Spannend, welche Aktualität das rund 2400 Jahre alte Theaterstück "Die Vögel" von Aristophanes noch immer hat. Vielleicht sollte man dieses Lehrstück über die Verführbarkeit von Menschenmassen öfter spielen. Im Wiener Volkstheater gab es dennoch nur mäßigen Applaus. Ich jedenfalls fand die Inszenierung beeindruckend. Genial die kabarettistische Überhöhung liturgischer Musik und die damit verbundene Kritik an Religion, als willfähriges Vehikel der Manipulation von "dummen" Menschen. 
Die Vögel im Wiener Volkstheater
Foto: Lalo Jodlbauer


Leider stimmt vieles in dieser Parabel: Realen Zielen und kleinen Erfolgen traut Mann und Frau kaum. Dem, der aber die Utopien und das Paradies verspricht und als Weg dorthin nichts anderes außer Fremdenhass und Mauerbau präsentiert, dem fliegen oft die Herzen der großen Masse zu. Im Stück "Die Vögel" endet es mit einem Festmahl. Die Herrscher über die Vögel verspeisen genüsslich das ihnen untergeben folgende Federvieh.

Sonntag, 19. Oktober 2014

"Cupcakes": Vorsichtige Blicke unter die Zuckerglasur

"Israel, ten points …". Song Contest in Paris und gerade werden die Wertungspunkte vergeben. Hobbysänger Ofer (Ofer Shechter), der eine kleine Gesangsgruppe aus dem Freundeskreis zusammengestellt hat und für Israel an den Start gegangen ist, scheint ganz gut im Rennen zu sein. Vor den Fernsehschirmen und im Studio drücken Familie und Kollegen die Daumen. Diese Szenen sind der Höhepunkt des Films. Kurz zuvor hat Ofer mit Sakko und Ballettröckchen die Bühne betreten und keine Scheu gezeigt, seine Homosexualität auch vor einem Millionenpublikum offenzulegen.

Wirklichkeit und Fiktion


Was im Film Cupcakes als fiktionale Geschichte erzählt wird, kennt man in Österreich seit Conchita Wurst und dem Song Contest 2014 aus der Realität. Aber auch Israel hat seine wahre Geschichte dazu. 1998 ersang die Transsexuelle Dana International für Israel den Sieg beim  Eurovision Song Contest. Ihre Teilnahme sorgte damals für heftigen Widerstand in religiösen Kreisen und sollte verhindert werden. Auch Conchita Wurst wurde und wird wegen ihrer sexuellen Orientierung immer wieder angefeindet.
Ofer beim Finale des Song Contests
Foto: Jüdisches Filmfestival Wien

In Cupcakes ist das anders. Irgendwie klappt alles wie am Schnürchen. Alle finden Ofer sympathisch. In seinem Freundeskreis und Arbeitsumfeld scheint Homosexualität vollkommen akzeptiert zu sein. Auch die Bewerbung zur Teilnahme am Song Contest geht fast von alleine. Ofer und ein paar Freundinnen aus der Nachbarschaften singen spontan ein Lied und filmen es mit der Handykamera. Das Video landet bei einer Jury und die findet es so berührend, dass die Gesangstruppe als Vertreter von Israel für den nächsten Song Contest auserwählt wird. Und weil eine der Sängerinnen Bäckerin ist und mit Vorliebe mit Zuckerfarben bunt glasierte Muffins herstellt, nennt sich die Gruppe Cupcakes. Friede, Freude, Zuckerlfarbe.

Schwere Themen und leichte Musik


Cupcakes ist ein Musikfilm in guter israelischer Tradition, mit Musiknummern von “Yes Sir, I Can Boogie” über “You Light up my Life” bis zu “Hallelujah”. Songs, die man kennt und bei denen man gerne mitswingt. Doch bei den Themen und Geschichten, die hinter den Figuren im Film stehen, greift Regisseur Eytan Fox ins Volle.

So steht die Ehe von Anat (Anat Waxman), vor dem Aus.  Dana (Dana Ivgy) hat Angst ihren Vater zu enttäuschen und hat einen Job, der sie alles andere als glücklich macht. Keren (Keren Berger) wiederum flüchtet sich in eine virtuelle Computerwelt. Jede der Figuren trägt einen schweren "Rucksack" mit sich herum. Eigentlich viel mehr Stoff, als in einen Film passt und so kratzen Regisseur und Drehbuchautor Fox und sein Co-Autor Eli Bijaoui bei ihren Figuren nur an der Oberfläche. Vielleicht auch deshalb, weil sie weitere Nachforschungen ihrem Publikum überantworten möchten.

Ofer, der als Kindergärtner arbeitet, hat seinen ersten Auftritt im Film als Karaokesänger. Perfekt geschminkt und gestylt tritt er als Frau verkleidet vor sein kleines Publikum. Alle lachen und applaudieren, die Eltern der Kleinen freuen sich, grüßen freundlich, eine heile und tolerante Welt, in der jeder größtmögliche Freiheiten genießt. Man merkt, es hat Gründe, warum Tel Aviv 2011 von der australischen Tageszeitung Calgary Herald zur “schwulenfreundlichsten Stadt” gewählt wurde.

Israel war 2001 zudem das erste Land in Asien, das Homosexuelle durch ein Antidiskriminierungsgesetz geschützt hat. Adoption durch gleichgeschlechtliche Paare ist möglich und Schwule und Lesben können ihre Partnerschaft eingetragen lassen. Doch nicht immer ist hinter einer bunten Zuckerglasur auch wohlschmeckender Kuchen.

Der Schein von Offenheit


Alle Personen im Film erscheinen zwar auf den ersten Blick offen und tolerant, doch wenn man ein bisschen an der Oberfläche kratzt, kommt durchaus unerwartet Bitteres zum Vorschein. Selbstverständlich akzeptieren die Eltern von Ofers Freund die homosexuelle Beziehung ihres Sohnes, "aber doch bitte aus Rücksicht auf das Geschäft nicht in der Öffentlichkeit".

Der freundliche Organisator für die Vorausscheidung der israelischen Song-Contest-Kandidaten findet die "authentische Performance" der kleinen Musikergruppe um Ofer zwar toll, aber da und dort müsse man noch etwas verändern. Er organisiert Kostüme, arrangiert den Song neu, greift so lange ein, bis nur noch wenig vom ursprünglichen Charme der Nummer überbleibt. Schließlich erkennen sich die Künstler und ihr Lied nicht mehr wieder. Im Film kommt Toleranz mehrfach als Maske daher, hinter der Menschen, gut versteckt, anderen ihre Vorstellungen überstülpen wollen.

Glaube und Toleranz


Interessant ist auch eine Szene, in der die musikalische Truppe kurz vor dem entscheidenden Auftritt beim Song Contest in Paris auf den Lift warten muss. Dana greift in ihre Tasche, zieht ein dickes Gebetbuch hervor und beginnt zu lesen. Die Gruppe ist sichtlich irritiert, stimmt aber schließlich ein: "O Gott, führe uns, dass wir in Frieden wandeln. Leite uns, dass wir unser Bestimmung erlangen ...".

Alle machen zwar mit, sprechen das abschließende "Amen" aber mit mehr oder weniger Enthusiasmus. Wo beginnt und endet religiöse Toleranz, wie weit verbiegen wir uns für die Überzeugung anderer? Wie sehr lassen wir uns fremdbestimmen? Und gibt es so etwas wie letzte Wahrheiten, die als Trumpf alles andere ausstechen? Viele Fragen können bei dieser Szene zu schwingen beginnen.

Doch nur ein paar Sekunden gibt uns Fox in seiner Regiearbeit Zeit, darüber nachzudenken. Denn kaum fängt der Film ein wenig zu "kratzen" an und wagt einen vorsichtigen Blick unter die bunte Oberfläche, wird sogleich mit Musik und süßer Optik jegliche leicht gezogene Furche wieder zugespachtelt.

Man kann Cupcakes ohne Probleme als Feel-Good-Film genießen und man muss sich keine Gedanken über Toleranz und Akzeptanz gegenüber anderen Meinungen und Lebensstilen machen. Man kann aber auch die bunte Zuckerglasur über den kleinen Törtchen entfernen und schauen was darunter liegt. Vielleicht ist es ja gar nicht so bitter wie befürchtet?

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Wenn Männer Frauen besitzen - Scheidung in Israel

Die Kamera ist starr und unbeweglich und genauso festgefahren ist die Situation, in der sich Viviane Amsalem (Ronit Elkabetz) befindet. Der Film "Gett - Der Prozess der Viviane Amsalem" nimmt nicht nur die Protagonisten, sondern auch die Zuseher im engen Raum eines israelischen Rabbinatsgerichts gefangen. Zwei Stunden lang - im Film sind es fünf Jahre - wird das Publikum Zeuge eines Streits um den Gett, den sogenannten jüdischen Scheidebrief, den Viviane von ihrem Ehemann Elisha (Simon Abkarian) vor Gericht erbittet. Einfordern kann sie ihn nicht, denn nur Männer können nach israelischem Recht die Scheidung beantragen.

Viviane Amsalem erbittet den Scheidungsbrief 
von ihrem Mann Elisha
Foto: Jüdisches Filmfestival Wien

Die Praxis des Gett geht auf das 5. Buch Moses der Thora zurück. Dort wird im Kapitel 24 die Praxis des Scheidebriefes bereits vorausgesetzt: “Wenn ein Mann eine Frau geheiratet hat und ihr Ehemann geworden ist, sie ihm dann aber nicht gefällt, weil er an ihr etwas Anstößiges entdeckt, wenn er ihr dann eine Scheidungsurkunde ausstellt, sie ihr übergibt und sie aus seinem Haus fortschickt, wenn sie sein Haus dann verlässt, hingeht und die Frau eines anderen Mannes wird, wenn auch der andere Mann sie nicht mehr liebt, ihr eine Scheidungsurkunde ausstellt [...], dann darf sie ihr erster Mann, der sie fortgeschickt hat, nicht wieder heiraten." Es ist der Mann, der hier in den jahrtausendealten Texten alleine über die Frau bestimmen kann.

Doch auch heute, nach jüdischer Zeitrechnung ist das das Jahr 5775, kann eine jüdische Frau in Scheidungsangelegenheiten nicht viel gegen den Willen eines Mannes ausrichten. Und genau dort fokussiert der Film: "Niemals" werde er in die Scheidung einwilligen, sagt Elisha vor dem Rabbinatsgericht. Ihre Ehe sei gottgewollt und daher ihr beider Schicksal, komme was wolle. Gleich zu Beginn zementiert er so seinen Standpunkt. Doch ohne Scheidungspapiere ist Viviane nicht frei. In Israel fallen Vermählung und Scheidung noch immer in die alleinige Zuständigkeit der Religonsgemeinschaften.  Und so muss das Film-Ehepaar Amsalem vor das Rabbinatgericht. Dort sitzen drei Männer am hohen Podest und urteilen, ausgestattet mit göttlicher Autorität.

Reale Fiktion


Was jetzt beginnt, ist zwar im Film eine fiktive Handlung, hat aber viele Vorlagen aus dem realen Leben von Paaren in Israel. Man wird Zeuge eines Prozesses, der außerhalb des Heilsystems, in dem sich die handelnden Personen befinden, nur als absurd beschrieben werden kann. Es wird eine  Logik bedient, die man nur innerhalb der orthodoxen jüdischen Kultur und Frömmigkeit begreifen kann.

Was sich zunächst als besonders fromme Gesetzestreue von Elisha tarnt, entpuppt sich schnell als krankhaftes Besitzen-Wollen um jeden Preis. Bei "Gett" ziehen sich die Verhandlung über Jahre und dennoch wird es einem als Zuseher nicht langweilig. Gebannt, entsetzt und kopfschüttelnd verfolgt man die Statements von Familienangehörigen, lauscht den Plädoyers der Anwälte.

Es geht um die Macht von Männern über Frauen, Macht die keine Argumente braucht, die sich willkürlich auf Gesetze bezieht und sich letztlich auf Gott beruft, wenn keine Logik mehr hilft. Viviane, eine starke selbstbewusste Frau, ist nicht nur ihrem Ehemann nahezu hilflos ausgeliefert, sondern auch den drei Rabbiner-Richtern. Das Unrecht ist offensichtlich, aber es scheint hier eher um Ordnung, Recht und Machterhalt als um Gerechtigkeit zu gehen.

Willkür der Männer über Frauen


Die Scheidung, die Viviane so vehement einfordert, war vor 1.000 Jahren meist ein Problem in die umgekehrte Richtung. Allzu leicht konnten sich Männer ihrer ungeliebt gewordenen Frauen mit einem willkürlich ausgestellten Scheidungsbrief entledigen. Dieser Praxis hat Rabbenu Gerschom ben Jehuda (965 - 1028) schließlich ein Riegel vorgeschoben. Seither darf sich ein Ehemann nicht ohne Zustimmung seiner Ehefrau von ihr scheiden lassen. Die jüdischen Gemeinden Europas haben diesen Beschluss Gerschom ben Jehudas anerkannt. Doch auch hinter dieser Regel stand kaum Mitgefühl mit den Frauen, als vielmehr die Sorge um das Ansehen und der Ruf der Juden unter den Andersgläubigen.

Aber warum ist es so schwer für das Rabbinergericht dem Begehren der Viviane nachzugeben und die Scheidung zu verfügen? Einerseits gilt die Familie als hohes gut und verdient größtmöglichen Schutz. Daher verfügen die Richter in der Hoffnung auf ein "Zusammenstreiten" ein erneutes Zusammenleben des zerstritten Paares für einige Monate.

Geregelte Gründe für einen Scheidung


Andererseits sind die Gründe, bei denen ein jüdisches religiöses Gericht einen Ehemann zur Scheidung zwingen kann, genau geregelt. Zum Beispiel dann, wenn ein Mann sich weigert, mit seiner Frau Geschlechtsverkehr zu haben oder er seiner Unterhaltspflicht nicht nachkommt. Auch wenn ein Mann seiner Frau untreu ist, sie immer wieder schlägt oder unter einer abstoßenden Krankheit leidet.

Bei “Gett” werden all diese Punkte sorgfältig untersucht, Zeugen befragt. Doch nichts davon trifft zu. Elisha schlägt seine Frau nicht, sie haben vier Kinder und er ist weder krank noch verweigert er den Unterhalt. Viviane  will nicht länger in dieser Beziehung leben, weil Elisha sie nicht liebt, nie geliebt hat, die Ehe als Pflicht ansieht und psychischen Druck ausübt. Dieser Fall ist aber im Gesetz nicht geregelt.

“Gett” spielt in einem Mikrokosmos. Im  Gericht kennen sich alle. Man ist verwandt, verschwägert, besucht die gleiche Synagoge, stammt aus dem gleichen Dorf. Es gibt Abhängigkeiten, niemand hat einen freien unvoreingenommenen Blick auf das streitende Paar. Gerne vermeidet man auch ein genaueres Hinschauen auf den Nachbarn und verbirgt selbst die eignen Probleme so gut wie es eben geht.  Ein Problem, das es oft bei den Ortsrabbinaten zu geben scheint.

Gesetzliche Erleichterungen seit 2013


Im Mai 2013 wurde daher in Israel von Naftali Bennett, dem Minister für religiöse Dienste, bekannt gegeben, dass Eheschließungen und auch Scheidungen nicht mehr vor dem örtlich zuständigen orthodoxen Ortsrabbinat behandelt werden müssen, Paare sollen schon bald frei sein, unter allen Rabbinatsstellen auswählen zu können. Zu einer säkularen staatlichen Eheregelung, die auch gemischt religiöse Ehen anerkennen würde, konnte man sich nicht durchringen.

Nach fünf Jahren Ringen haben die Geschwister Ronit und Shlomi Elkabetz als Drehbuchautoren und Regisseure dieses fesselnden Kammerspiels endlich Erbarmen mit der Figur der Viviane.  Die Kamera wird beweglich. Viviane blickt endlich nicht nur gegen die schäbigen Wände des Gerichtssaals sondern durch eine Scheibe hinaus in die Natur. Sie beginnt zu gehen und als Zuseher heftet man sich an ihre Fersen. Gemeinsam wird man mit Viviane in die "Freiheit" entlassen.

Freitag, 10. Oktober 2014

Yalom: Psychotherapie als Religionsersatz?

Zwei Minuten lang pflügt ein riesengroßer Ozeantanker über die Leinwand. Ein gewaltiges und symbolträchtiges Bild, mit dem Regisseurin Sabine Gisiger ihre Dokumentation über den Psychotherapeuten Irvin D. Yalom beginnt. Die Botschaft ist klar: Es geht hier um einen Großen seines Faches und seinen bedeutsamen Lebensweg. Yalom hat über Jahrzehnte weltweit die Szene der existentiellen Psychotherapie geprägt. Mit seinen Lehrbüchern hat er unter Kollegen hohes Ansehen erlangt, mit seinen Romanen, wie etwa "Und Nietzsche weinte" oder "Die Rote Couch", Millionen Leserinnen und Leser weltweit begeistert.

Irvin Yalom und sein Frau Marilyn
Foto: Jüdisches Filmfestival Wien
Der englische Titel des Filmes ist "Yalom's Cure" und kann mit "Yaloms Heilung" ins Deutsche übersetzt werden. Es geht um die Heilung der Wunden, die das menschliche Dasein aufreißt, bis hin zur Existenzbedrohung durch den Tod. Zur Sprache kommen Ängste, denen sich Patienten, aber auch Psychotherapeuten immer wieder stellen müssen und um deren "Heilung" gerungen wird. In einem großen Bogen, von der Jugend bis ins hohe Alter, begleitet die Dokumentation Yalom und lässt ihn ausgiebig zu Wort kommen. Das Produktionsteam hat private Filmausschnitte und Fotos aufgetrieben, die bis in die 1930er Jahre zurückreichen. 

In Österreich kommt der Film unter dem Titel "Yaloms Anleitung zum Glücklichsein" in die Kinos. Die Premiere ist am Jüdischen Filmfestival in Wien am 10. Oktober. Welche Kur gegen Angst und Verzweiflung hat der bekannte Therapeut gefunden, um mit der größten existentiellen Bedrohung, dem Tod, fertig zu werden? Wie sieht seine Anleitung zum Glücklichsein aus?

Ausbruch aus dem jüdischen “Ghetto”


Yalom wuchs in Washington DC als Sohn einer jüdisch-russischen Emigrantenfamilie auf. Seine Eltern haben ein Lebensmittelgeschäft betrieben. Das Verhältnis zu seiner Mutter sei nicht einfach gewesen, erzählt der heute 83-Jährige. Die Eltern waren stark in der jüdischen Einwandererszene verwurzelt.  Er selber hätte aber als Jugendlicher kein Interesse gehabt, zur jüdischen Clique aus Osteuropa und Russland zu gehören. Yalom zog die Bibliothek dem geselligen Beisammensein im "Ghetto" vor. 

Er habe große Pläne gehabt, wollte immer schon Mediziner werden. Doch in den 1950er Jahren gibt es an nordamerikanischen Universitäten für Juden eine Sperrklausel von fünf Prozent. Er habe Tag und Nacht studiert, um als Jude dennoch auf der medizinischen Fakultät zugelassen zu werden. Mit Erfolg. Und schon bald sollte Yalom selbst als Lehrender an Universitäten unterrichten. 

Immer mehr interessierte sich Yalom für das Wesentliche und begann mit krebskranken Menschen psychotherapeutisch zu arbeiten. Vor allem in den 1980er Jahren war es sein Ziel, die Sensibilität von Therapeuten für die existentielle Dinge zu erhöhen. Darunter versteht Yalom die Beschäftigung mit dem Tod, die Suche nach Sinn, Isolation und Freiheit. Man ahnt ein bisschen die Not der Filmemacherin, all diese abstrakten Begriffe in Bilder umzusetzen. So werden Strand, Wellen, Wiesen und noch mehr Aufnahmen von Strand, Wellen und Wiesen etwas unoriginell über bedeutsame Interviewpassagen gelegt. 

Religiöser Atheist?


Als Soundtrack wird jüdische Musik geboten, leise und im Hintergrund. Das, was was bei Yalom so gar keine Rolle mehr zu spielen scheint, seine jüdischen Wurzeln, ist zumindest als Musikzitat stets vorhanden. Yalom sucht in Interviews den Abstand zu Glaube und Religion. Er bezeichnet sich selbst als "praktizierenden Atheisten". In einem Gespräch mit  der jüdischen Tageszeitung Yediot Achronot formuliert er: "Wenn man an Gott glauben würde, was hätte das für Konsequenzen für die anderen irrationalen Dinge. Da lebe ich lieber in einer rationalen Welt." 

Umso mehr war Irvin Yalom im Jahr 2000 erstaunt, als er von der "American Psychiatric Association" den Oscar Pfister Preis für wichtige Beiträge zu Psychiatrie und Religion erhielt. "Religion und ich, das muss ein Irrtum sein", war Yalom damals überzeugt. Doch viele seiner Lesen meinen bis heute gerade in Yaloms Werken wichtige religiöse Fragestellungen zu finden und wollen die für sie spannende Auseinandersetzung mit den transzendenten Dingen nicht missen. 

Intime Momente


Über weite Strecken der Dokumentation bleibt Yalom der große Gelehrte, der Arzt und Therapeut, der wichtige Lebensweisheiten zu verkünden hat, der sich durchaus vor der Kamera in Denkerpose gefällt. Es wird spürbar, dass analytische Psychotherapie und Yaloms Bücher die Filmemacherin "auf ihrer Reise zu sich selbst" stark geprägt haben. Dieses ehrfurchtsvolle Lehrer-Schüler-Verhältnis tut dem Film nicht immer gut. Doch Gisiger versucht sich aus dieser braven Rolle zu befreien und zeigt das Ehepaar Yalom beim Baden in einem Zuber. Der so ganz aus dem übrigen Duktus der Doku herausfallende "Befreiungsschlag" der Regisseurin irritiert und misslingt.

Doch dann stellt uns Gisiger die vier mittlerweile erwachsenen Kinder des Ehepars Yalom vor und schafft plötzlich ganz nahe intime Momente. Es sind Szenen, die auch mit Scheitern zu tun haben, denn das Ehepaar Yalom ist ratlos, warum das Rezept ihrer eigenen, bereits 60 Jahre andauernden glücklichen Ehe nicht auf ihre Kinder übertragbar war. Alle vier haben ihre Ehepartner schon nach kurzer Zeit wieder verlassen. Hier kommt man im Film dem Menschen Yalom erstmals näher.

Schließlich geht es um das letzte Scheitern, die existenzbedrohende Endlichkeit des Menschen. Die Kamera nimmt den Zuseher mit zu einem Tauchgang des großen Meisters der Psychoanalyse. Yalom schnorchelt in Unterwasserlandschaften. Das Abtauchen in die existentiellen Nöte der Menschen, das Forschen nach der Wahrheit, das Konfrontieren mit Wünschen und Ideen haben Yalom ein Leben lang fasziniert und beschäftigt. 

Was ist seine Antwort auf die große Frage nach dem Danach? Irvin Yalom führt seine Zuseher behutsam an der Hand. Letzter Trost sei nicht die Leistung des menschlichen Geistes, sich ein Leben nach dem Tod paradiesisch vorzustellen. Religionen erzählen Märchen, so sein harter Befund. Aus Jahrzehnten Psychoanalyse habe er die Überzeugung gewonnen, dass der Tod seinen Schrecken nur im Führen eines sinnvollen Lebens verliert. Bei Yalom gewinnt die Psychoanalyse als Vademecum gegen die Religion.


Samstag, 13. September 2014

Von schweren Jungs und leichten Mädchen

Zwanzig Minuten lang hektisches Gedudel im Orchestergraben. Hatten die Bläser und Streicher keine Zeit zum Üben? Jetzt gesellen sich auch noch Schlagwerker dazu und bearbeiten ihre Instrumente. In der Wiener Volksoper entsteht eine unglaubliche Klangwolke, die nicht nur mich den baldigen Beginn des Stückes herbeisehnen lässt.
Guys and Dolls an der Wiener Volksoper. Großartiges 
Bühnenbild und Kostüme aus den 50er Jahren.
Foto: Dimo Dimov/Volksoper Wien 


Und dann wird die Bühne endlich hell. Auf eine Leinwand wird "Guys and Dolls" groß projiziert. Ich bin also im richtigen Stück gelandet! Der Lärm aus dem Orchestergraben wird zur Ouvertüre und schon kommt man aus dem Schauen und Staunen nicht mehr heraus. “Die schweren Jungs und leichten Mädchen” strömen hinter den Vorhängen hervor und bevölkern die Kulisse New Yorks. Viel mehr Sänger, Statisten und Tänzer hätten nicht mehr Platz auf der Bühne. So sah also das Alltagsleben in den 50er Jahren am Broadway aus, zumindest in der Musicalversion. Mein erster Gedanke: Wie kann sich so ein Aufwand für eine Vorstellung rechnen? Wer kann das alles bezahlen? Ich leiste jedenfalls heute zum Gehalt der Darsteller keinen Beitrag, denn ein “Geburtstagsgutschein” von culturall.com ermöglicht mir einen Sitzplatz um null, statt um 51 Euro. Eine unerwartete Gabe, denn mein Geburtstag liegt, je nach Betrachtungsweise, weit vor oder hinter mir.


Adelaide ist verschnupft.
Foto: Dimo Dimov/Volksoper Wien 
Vielleicht habe ich das Geschenk deshalb erhalten, weil mein Geburtsjahr und die deutsche Uraufführung des Musicals 1969 waren. Ich finde aber, man hätte das mit der deutschen Übersetzung lieber bleiben lassen sollen, denn die Texte sind schon auf Englisch kurios genug. Auf deutsch werden sie auch noch sehr holprig und eigentlich versteht man dank des gewaltigen Orchesters ohnedies kaum etwas. Das denke ich mir aber bei jeder österreichischen Musicalaufführung.


Ich erfreue mich also statt am Text, lieber am Großaufgebot an Musikern, Tänzern, Sängern und Schauspielern. Nach vielen Theaterbesuchen mit kargen Inszenierungen und auf wenige Symbole reduzierten Bühnenbildern, meist schwarz in schwarz, ist das hier das ganz Andere. Aus dem Schnürboden werden eindrucksvolle Kulissen herabgelassen und bunte Kostüme wirbeln über die Bühne. Hier hat man sich bemüht, gute Unterhaltung zu bieten. Von besonderem Erfolg gekrönt ist dies bei Sigrid Hauser. Genial, wie sie "überdreht" die Rolle der “verschnupften” Tänzerin Adelaide anlegt. Die immer wieder enttäuschte Liebe zu Nathan beschert ihr Halsweh und Schnupfen. Das Publikum, vor allem Frauen über 60, finden das zum Schreien und so übertönt das laute Lachen aus dem Publikum hin und wieder sogar das riesige Orchester.
Sarah betreibt Mission mit dem Trichter. 
Foto: Dimo Dimov/Volksoper Wien 

Adelaide will ihren Verlobten Nathan Detroid nach vielen Jahren Beziehung endlich heiraten und damit zähmen. Er will sich aber nicht binden und schon gar nicht ändern, sondern als “freier” Mann lieber illegale Wettspiele organisieren. Da ist aber noch eine zweite Frau hinter den “wilden, sündigen” Männern her. Sarah Brown - sie ist Heilsarmee-Sergeantin und zunächst an den Seelen interessiert. Unermüdlich versucht sie die schweren Jungs in ihrer Mission zum Gebet zu bewegen. Für mich gibt es da ein paar wirklich gelungene, lustige Szenen, denn in der Missionsstation ist ein Bibelvers falsch zitiert und immer wieder wird auf humorige Weise offensichtlich, wie hohl und inhaltsleer so mancher Missionsversuch sein kann. Menschen machen sich schnell lächerlich, vor allem dann, wenn sie ohne Denken etwas nachplappern und das dann auch noch anderen aufoktroyieren wollen. Genau hier versucht das Stück weit mehr zu vermitteln und ist viel tiefsinniger, als das auf den ersten Blick scheint. Denn Missionsversuche gibt es nicht nur im religiösen Kontext. Offensichtlich lieben es Menschen, anderen eigene Verhaltensmuster aufzuzwingen und diese als absolute letzte Wahrheiten zu “verkaufen”. Auch in den Beziehungen zwischen Nathan und Adelaide sowie Sarah und Sky Masterson geht es darum, wie eigene Bilder auf andere projiziert werden und warum Veränderungswünsche meist beim anderen und nicht bei einem selbst ansetzen.

Es kommt wie es kommen muss, denn das Stück ist aus dem Jahr 1950. Adelaide heiratet Nathan und Sarah wird mit dem Edelganoven Sky Masterson glücklich. Alles gut, Ende gut. Ein vergnüglicher Theaterabend mit einer herausragenden Sigrid Hauser. Hatschi!