Samstag, 30. Oktober 2010

Resebericht Kerala - Indien

Millimeterarbeit

Auf der Nepal-Karte ist der Weg als „Araniko Highway“ bezeichnet. Vielleicht wird er das einmal, wenn in Jahren die Bauarbeiten abgeschlossen sind. Derzeit schaut es eher nach planlosem Löcher graben aus. Zwischen Baggern, Hügeln und Gruben schieben sich Mopeds, Lastwagen und wir, in einem Jeep, durch die Dörfer. Wir das sind Vertreter von SOS-Kinderdorf Österreich, Mitarbeiter von SOS-Kinderdorf Nepal und ich. Sechs mal sind wir nun schon diesen Weg zwischen Kavre und Katmandu gefahren. Ein paar Kilometer nur, für die wir aber mehr als eine Stunde benötigen. Doch es geht nichts über Präzession: Nur wenige Millimeter trennen unsere Karosserie von allem möglich anderem.

Eingestaubt

Fast das ganze Leben hier spielt sich links und rechts von dieser „dirty road“ ab. Rund vier Millionen Menschen leben in und rund um Katmandu, der Hauptstadt von Nepal und es scheint so, als wäre jeder doppelt auf der Straße. Es staubt und die Dieselmotoren hüllen alles in schwarze Rußwolken. Wie es die Menschen hier schaffen ihre Kleidung stets so farbenfroh zu halten bleibt mir ein Rätsel. Mich jedenfalls überzieht nach einem halben Tag eine dicke Staubschicht.

Am Straßenrand treffen wir eine Frau die hier ein Gemüsegeschäft betreibt. Eigentlich ist ihr Geschäft auf der anderen Straßenseite. Doch der Laden steht leer. Ihr Gemüse hat sie auf dem Boden ausgebreitet. Die Leute kaufen hier lieber direkt vom Straßegraben, sagt sie uns. Um vier in der Früh ist sie bereits zum Großmarkt unterwegs und besorgt mit dem Taxi frisches Gemüse und Obst für ihr „bodenständiges“ Straßengeschäft.

In den Kinderdörfern sind wir Ehrengäste. Spalier, herzliche Begrüßung, Tanzvorführungen, Präsentationen und Ehren-Ring-Überreichungen an langgediente Mütter stehen jeweils auf dem Programm. Danach gibt es gutes Essen. Auch hier gilt: Die Nepalesen machen alles gerne auf dem Boden. Auf der Wiese hinter dem Festplatz werden die Zutaten zubereitet und danach alles in 150-Liter-Töpfen gekocht. Vielleicht sollte ich nicht überall dahinter schauen. Ich vergesse die Eindrücke meiner neugierigen Blicke und lassen mir den Appetit nicht verderben. Traditionell wird mit den Fingern gegessen. Wir bekommen jedoch Besteck.

Röter geht’s nimmer!


Nicht weit vom Kinderdorf Sano Thimi liegt Bhaktapur, ein 800 Jahre alte, gut erhaltene Tempelstadt. Kurzer Abstecher zu dieser Touristenattraktion. Magische Anziehungskraft auf die Besucher hier hat einer der ältesten Tempel. Hunderte Fotoapparate klicken und lichten ab, was sonst nur in schmuddeligen Rotlicht-Bars zu sehen ist, hier allerdings öffentlich auf Steintafeln und Holzschnitzereien, schon seit Jahrhunderten. Ob die Menschen wegen der Hitze, oder der pikanten Darstellungen so stark erröten?

Das „Nirvana“ als Ziel

Unser Ziel ist das Hotel „Nirvana“ und wir fliegen mit „Buddha Air“. Also wenn da nicht das Herz eines Religionsjournalisten höher schlägt! Die kleine Maschine huscht noch schnell vor einem großen Brummer auf die Landebahn und schnell wird Katmandu kleiner, leiser und bekommt Struktur von oben. Hinter den Wolken werden die ersten Spitzen des Himalaja-Gebirges Sichtbar. Hinter mir im Flieger sitzt ein Nepalfan, er benennt jeden der hunderten Sieben- und Achtausender-Gipfel. Anerkennende Blicke der Mitreisenden sind im sicher. Ein sehr Eindrucksvolles Erlebnis so nah am „Dach der Welt“ vorbei zu fliegen.

Lubini ist eine Bio-Sauna. Aufguss während der Regenzeit. Jetzt dampft es noch ein bisschen nach. Unmittelbar neben dem Flughafen steht das neue Kinderdorf. Von Minute zu Minute scharren sich mehr Polizisten mit schweren Waffen rund um das Dorf. Ich erfahre, dass der nepalesische Präsident erwartet wird. Die Temperaturen steigen und zum Glück trage ich keinen dunklen Anzug und auch keine Krawatte, so wie viele andere, die so aussehen, als kämen sie gerade aus der Dusche.

Durchbruch des Sicherheitswalls

Das Protokoll in Nepal verlangt die höfliche Anrede aller Ehrengäste. An diesem Vormittag höre ich die lange Liste aller „most honorable“ Personen bestimmt zehn mal. Jede Rede beginnt und endet mit dieser Aufzählung. Und dann ist das Kinderdorf nach Stunden eröffnet. Der nepalesische Präsident schaut etwas grimmig drein, dennoch durchbreche ich den Sicherheitswall seiner Bewacher und mache zum Erstaunen der Securities beim Mittagessen ein Kurzinterview mit ihm. Manchmal hat es auch einen Vorteil, wenn man die Sprache in einem Land nicht versteht. All die Verbote und Zurückweisungen habe ich so gar nicht mitbekommen.

Waffen und Käsefüße

Bhairahawa, so heißt die Stadt in der wir nächtigen. Neben dem nepalesischen Präsidenten ist auch den „Governor of Tirol“ angereist. Mehrere Polizisten werden für Ehre und Schutz des ausländischen Gastes abgestellt. Mit den Waffen im Anschlag und schweren Stiefeln umkreisen sie unser Hotel „Nirvana“. Allerdings nur solange, bis ihr Vorgesetzter sich in eine Hotelsuit zurückzieht. Um halb eins in der Nacht wird die Hotelhalle dann nur noch mit Hilfe von starken Geruchsstoffen bewacht. Die Polizisten haben ihre Schuhe ausgezogen und schnarchen fest auf den Couchen in der Lobby, die Finger natürlich im Abzug an den Waffen. Ich sitze gegenüber, versuche Emails zu beantworten und fürchte ein Ereignis, dass den friedlichen Schlaf unserer Bewacher stören könnte, eine unvorsichtige Bewegung und es besteht berechtigte Angst wirklich im „Nirvana“ zu landen.

Und dann betritt tatsächlich eine obskure Gestalt gegen halb zwei die Hotellobby. Stellt sich hinter mich und tut so, als ob sie noch nie einen Laptop gesehen hat. Als nur noch 15 cm Abstand zwischen Fremdem und meinem Monitor sind, klappe ich zu und gehe auf mein Zimmer. Die Soldaten schlafen friedlich weiter.

Die Anzahl der Kellner toppt die der Polizisten. Dennoch: das Frühstück dauert. Dann bekommen wir gebackenes Gemüse mit Chilli. Ganz mein Geschmack.

Singende Kinder und schwingende Brücken

Drei Stunden geht es nun mit dem Auto nach Bharatpur, in ein weiteres der sieben Kinderdörfer in Nepal. Die Landschaft ist faszinierend. Giftgrüne Reisfelder und kaum ist man um die Kurve, Müllhalden und staubige Dörfer, um so gleich wieder in üppiger Landschaft zu landen: Gegensätze und starke Kontraste. Ein Brücke bringt uns an das andere Ufer über einen der größten Flüsse Nepals. Unter uns wird Schotter und Sand gewonnen, daneben baden Ochsen und Kinder. Ich versuche eine Videoaufnahme, doch die Brücke schwingt so stark, dass eine Aufnahme unmöglich ist. Endlich am anderen Ufer, erreichen wir sogleich das Kinderdorf. Wieder herzlicher Empfang, Spalier, Begrüßung und vorzügliches Essen! Die Kinder haben eine tolle Show einstudiert. Ein wunderbar kurzweiliges Programm aus Trachtenschau, Tanz, Musik und Ansprachen und ein Landeshauptmann aus Tirol, der für die Kinder Jodeln muss.

Tiroler Delegation und SOS-Betreuer verlassen mich nun Richtung Katmandu. Ich entscheide mich für einen weiteren Drehtag in Lumbini und steige in den Bus. Mit dieser Fahrt, kann keine noch so tolle Attraktion in einem Vergnügungspark mithalten. Auf der Rückfahrt von Bharatpur, Einbruch der Nacht auf halber Strecke. Auf der Straße hunderte unbeleuchtet Radfahrer, Kühe, Ziegen und Hunde. Alle paar Kilometer hat ein LKW oder Bus eine Panne. Davor sitzen die Menschen einfach mitten auf der Straße und warten, vielleicht auf Licht? Um die Spannung zu steigern, ab und zu tiefe Schlaglöcher und Felsen. Das einzige was bei vielen Gefährten wirklich funktioniert ist die Hupe.

Von Drahteseln und deren Entmannung


Fahrräder sind hier nicht nur Drahtesel, sondern wahre Lasttiere. Baustämme, Felsen, Heu und Reis, alles wird voll Kreativität auf das bisschen Metall mit zwei Gummireifen gepackt. Überhaupt, bei den Fahrzeugen herrscht hier der Hang zur Fantasie, Indien lässt bei der Bemalung der LKWs „grüßen“. Wichtigste Aufschrift: „Please Horn“.

Ich „spiele“ übrigens mehrfach „Kotan“. Immer wieder überholt knapp am Auto ein Fahrrad. Wir bleiben stehen, ich öffne die Tür und wie aus dem Nichts, …. schon wieder habe ich Fahrrad und Fahrer voneinander getrennt. Zum Glück ist nichts passiert. Die Nepalesen sind in vielen Belangen sehr zäh!

Morgenstund hat Gold im Mund

Ich überwinde mich bereits kurz fünf Uhr in der Früh das Bett zu verlassen und gewinne einen neuen Eindruck. Die Menschen sind hier schon alle wach, nützen die Kühle des Morgens für ihre Arbeiten.

Morgenmesse bei den „Sisters of the Cross of Chavanod“. Sieben Schwerstern und Pater Sebastian feiern in einem kleinen Zimmer Gottesdienst. Danach machen sich die Schwerstern auf in die Schule und in das von ihnen betriebene Behindertenheim. Viele Katholiken gibt es hier nicht. Obwohl die Schwerstern schon zwanzig Jahre vor Ort tätig sind, gibt es in der Stadt nur eine katholische Familie. Pater Sebastian zeigt mir seine Kirche. Eine große Halle, die mehr oder wenige leer steht. Nur zu Ostern oder Weihnachten kommen die Leute, meist aus Neugier.

Sonntag, 25. Juli 2010

Reisebericht Venezuela

Gleich durchmachen oder doch noch kurz schlafen gehen? Das ist die Frage, die wir uns nach zwei Uhr morgens stellen. Egal wie viel Zeit man sich für die Reisevorbereitungen nimmt, es geht sich immer gerade auf die letzte Minute aus und manchmal auch nicht.

Wie immer entwickelten wir am Tag unserer Abreise ungeheure Kreativität Projekte aus den letzten Monaten doch noch fertig stellen zu wollen und gleich noch weitere neue zu beginnen. Und diesmal sind es nicht Video-Schnitte, die ich bis zum Hupen des Flughafentaxis durchführe. Nein, ich lernen dazu und habe es nicht gewagt so kurz vor dem Abflug noch einen PC einzuschalten. Dafür habe ich „wichtige“ offene Einkäufe der letzten Wochen erledigt und einen Zaun im Garten gebaut, Gras gesät, Werkstatt aufgeräumt, ... Petra begann mit einer gründlichen Speisekammerinspektion der anschließend eine fundamentale Aufräumaktion folgte und dann wollten wir ja auch noch den Dachboden zusammen räumen und einige Sträucher verpflanzen … alles ganz wichtige Dinge vor einer Reise nach Venezuela.

Einzig Julia hat bereits gegen Mittag den Inhalt ihres Zimmers rund um einen Koffer im Wohnzimmer ausgebreitet. Seither besteht unsere Wohnung aus nicht mehr passierbaren zwei Teilen.

Also kurz Zusammengefasst: Meinem Koffer widme ich mich erst weit nach Mitternacht und kurz vor unserem Abflug. Und ich entscheide mich doch noch für einen kurzen Schlaf. Petra zieht das Grübeln der Erholung vor und während ich selig ein paar Minuten träume, macht sie kein Auge zu.

Ich bin Optimist!
Daher glaube ich nach 41 Lebensjahren noch immer, dass man auch in zehn Minuten all das erledigen kann, für das man bisher noch nie kürzer als 45 Minuten gebraucht hat. Um 4.49 Uhr macht uns der Taxifahrer nicht gerade freundlich auf unsere Verspätung aufmerksam. Insgesamt ist Zeit ja sehr unfair aufgeteilt: Jetzt fehlt sie uns, um dann in Frankfurt fünf Stunden im Überfluss zur Verfügung zu stehen.

Jedenfalls Zeit vergeht und verändert die Dinge: Einst waren es Tabletts mit Butter, Eierspeise und mehr Verpackung als Essen, die man in den Fliegern zum Frühstück bekam, so ist nun der Nachfolger des späteren „Lufthansaweckerls“ ein trockenes pures und ehrliches Do&Co Kipferl. Im Mund wird es zu einer kaugummiartigen Kugel, mit der man sehr wahrscheinlich Öl-Bohrlöcher stopfen könnte.

Blitzbesuch in Frankfurt
Die knappen fünf Stunden Transferzeit in Frankfurt wollen wir nicht am Flughafen verbringen. Also starten wir einen Blitzbesuch in die Frankfurter Innenstadt besuchen Fußgängerzone, Liebfrauenkirche, Dom und Main und erstehen nebenbei Season III von „Prison Break“. Statt der hessischen Spezialität „Ebbelwei Gickle“ entscheiden wir uns beim Mittagessen für „landestypisches“ Nan-Brot, indisches Masala, Pappadum und Lamm. Eigentlich wird es knapp mit der Rückfahrt zum Flughafen, aber im Urlaub soll man sich Zeit zum Essen nehmen.

In Frankfurt gelte ich ja als potentieller Sprengstofftransporteur. Wie das „Amen im Gebet“ folgt auch diesmal für mich nach dem Sicherheitscheck der Sprengstoffcheck. Man muss ja gleich viel weniger warten, wenn man knapp zum Flugzeug kommt.

Sehr wahrscheinlich wurde die Condor-Maschine noch kurz vor Abflug zu heiß gewaschen. Nur nach starken Verkrümmungen passe ich in den Sitz. Ich freue mich auf die kommenden 11 Stunden!

Ein paar lustige Schweizer und eine deutsche Studentin bieten ein wenig Abwechslung vom Sitz-Schmerz. Mit Rum, den sie heimlich an Board geschmuggelt haben, verdünnen sie jedes Cola und Bier, werden zunehmend lauter, um dann nach sechs Stunden Flug vollkommen „abzustürzen“. Zum Glück gibt es in jeder Sitztasche ein „Speibsackerl“.

Vierundzwanzig Stunden unterwegs
Jetzt sind wir fast vierundzwanzig Stunden unterwegs und unter uns sieht man bereits die Lichter der Isla Magarita. Sanfte Landung. Am Flughafen durchwühlen Sicherheitsbeamte die Koffer von Mitreisenden. Meinen Koffer muss ich nicht öffnen, denn das ist er bereits. Sein Verschluss hat den Flug nicht überstanden, es scheint jedoch nichts zu fehlen. Wir passieren ohne Probleme die Security und fahren zu unserem Hotel, einmal quer über die Insel. Mein neuer Stil einen Koffer zu tragen verwundert Umstehende sehr.

Eine riesige Hotelanlage liegt vor uns. Die Dunkelheit verstärkt die Orientierungslosigkeit. Mehrere Restaurants, verschiedene Bereiche, Pools, Bars. Unser erster Eindruck: Wow!

Am Tag eins nach Ankunft geben wir uns ganz dem „All inclusive“ hin. Üppiges Frühstück, üppiges Mittagessen, üppige Snacks und üppiges Abendessen … wenn das so weiter geht, brauchen wir für jeden von uns zwei Sitzplätze beim Rückflug. Der Strand ist wie auf einer Postkarte, riesig, weiß und mit Palmen. Caipirinhas an der Strandbar im Überfluss.

Hinauf in den Regenwald
Nach zwei Tagen nichts tun, drängt es uns hinauf in den Regenwald. Um 6.45 Uhr machen wir uns auf zur Bergtour mit einem einheimischen Führer. Wir starten etwa auf Meeresniveau. Die Vegetation ist steppenartig, Gras und ein paar kleine, dornige Sträucher, Steine. Doch schon nach hundert Höhenmetern ändert sich die Landschaft total. Die Sträucher überragen uns bereits, es wird grüner, saftiger. Umgekehrt zu Österreich, wo oben die schroffen Felsen ragen und unten die grünen Bäume stehen. Auf unserem Weg zum Regenwald am Berggipfel auf ca. 450 Metern ändert sich nun alle hundert Höhenmeter der Bewuchs und die Akustik. Jede Zone hat ihre Tiere die ordentlich Lärm machen. Still hingegen sitzen die Taranteln in ihren Pflanzen links und rechts an unserem Weg. Die Anstrengung des Weges lässt und schwitzen, obwohl die äußere Temperatur merkbar abfällt. Unglaublich, dass auf so wenig Höhenmetern so unterschiedliche Klimazonen existieren. Nach vier Stunden Aufstieg mit ein paar Pausen, haben wir es geschafft. Riesige Bäume mit Luftwurzeln, üppigste Pflanzen mit immensen Blättern versperren jeden Blick auf den Himmel. Ein nahezu undurchdringbares, grünes Dach breitet sich über uns aus. Wir sind im Regenwald am Berggipfel angekommen. Hier fangen sich die Wolken und regnen in heftigen Güssen aus. Wir bleiben jedoch trocken. Früher haben Menschen Teile diese Urwalds bewirtschaftet. Im Schatten der riesigen Bäume wurde Kaffee und Kakao angepflanzt, erzählt uns unserer Führer. Dann suchen wir uns Früchte, trinken aus Kokosnüssen und schwingen uns an Lianen hängend durch den Wald. Doch es heißt geben und nehmen und so werden wir selber auch zur Nahrung - für hungrige Moskitos.

Ein paar Tage relaxen wir nun schon im Hotel. Der Strand fasziniert uns. Obwohl jeder Küstenabschnitt in Venezuela öffentlich ist, kommen an „unserem“ mehr als einen Kilometer langen weißen Sandstreifen kaum Leute vorbei, auch die Hotelgäste sind hier kaum präsent. Und so sind wir relativ alleine beim Spielen mit den Wellen.

Das Fatima Lateinamerikas
Heute wollen wir die Insel umrunden. Erster Punkt unserer Besichtigungen ist der Wallfahrtstort El Valle. Ein kleiner Ort mit einer noch kleineren Kirche. Dennoch, er wird als das „Fatima Lateinamerikas“ gehandelt. Vor uns war auch schon Papst Johannes Paul II. hier. Der Stuhl auf dem er für fünf Minuten gesessen ist, wird seither als „Heiliger Stuhl“ verehrt, hunderte Blumen werden täglich davor abgelegt. Dass der „neue“ Papst Benedikt heißt, hat sich bis hierher noch nicht herumgesprochen. Die Kirche wird nicht geputzt, sondern ständig neu gestrichen, auch eine Methode, die Dinge sauber zu halten.

Austerndinner in den Salzwassermangroven
Für uns geht es weiter in die Salzwassermangroven zwischen Isla Margarita und Isla Macanau. Zwei Stunden kurven wir mit dem Motorboot durch enge überwachsene Kanäle, brechen uns Austern von den Mangrovenwurzeln und halten unser erstes Austerndinner. Wir sind uns einig: Das waren nicht unsere letzten Austern! Der kulinarischen Genüsse nicht genug, essen wir beim Verlassen der Mangroven dann auch noch die besten Empanadas der Welt, mit herrlichen Saucen – der Straßenstand außen pfui und innen hui!

Etwas später ist Bildung angesagt. Die Universität hier betreibt ein Meeresmuseum mit angeschlossenem Aquarium. Klein aber fein. Wir trauen uns unbekanntes Meeresgetier (Schnecken, Würmer, Egel, Igel und Sterne) aus dem Wasser zu fischen und anzugreifen.

Dann umrunden wir noch die „Insel“ Macanau, die durch eine Sandbank mit Margarita zu einer Insel zusammengewachsen ist. Fantastisch sind die verschiedenen Klimazonen hier. Margarita ist ganz grün und tropisch, Macanau, nur wenige Kilometer daneben, karge Steppe.

Das Günstigste auf der Insel ist neben Benzin Alkohol
Es ist unvorstellbar, dass Tage auf der Insel ohne Cocktail enden, also prosten wir uns mit Cola Rum zu. (Mit der Information, dass Rum hier billiger als Cola oder auch Wasser ist, kennt man auch schon die Mengenverteilung.) Alkoholsucht ist hier anscheinend ein echtes Problem. Dennoch, Herumtorkeln oder Grölen ist hier auch unter Jugendlichen nicht schick, obwohl die Menschen wirklich viel trinken.

Rund 400.000 Menschen leben auf Isla Margarita und es ist interessant beim Durchqueren der Ortschaften ein wenig in die Häuser zu blicken. Wunderschöne gepflegte Grundstücke neben echten Bruchbunden. Sehr einfache Räume bloß mit einem Sessel und einer Hängematte ausgestattet, neben geschmackvollen Wohnzimmern voll von Möbel und Kunstwerken. Da Häuser hier meistens keine Fenster, sondern nur Gitter haben, ist Voyeurismus vorprogrammiert .

Kreuzerl am Wahlzettel
Für das richtige Kreuzerl am Wahlzettel bekommen hier die Menschen viel, so erzählt man uns, von Autos bis zu neuen Häusern als „Wahlzuckerl“. Das Sozialsystem ist auf der Insel sehr gut ausgebaut. Schule und medizinische Versorgung ist für jeden komplett gratis und am letzten Stand. Überhaupt übernimmt der Staat hier eine gewisse Grundversorgung für alle. Das spornt viele nicht gerade zu Höchstleistungen an, „man bekommt es so oder so“, erzählt man uns. Benzin zum Beispiel wird vom Staat quasi verschenkt. Ein voller Tank mit 50 Litern kostet 1,20 Euro. Offene Stellen gibt es hier auf der Insel genug, aber nur wenige Menschen, die einen Job wollen oder brauchen.

Auch für den Urlaub scheint der Staat zuständig zu sein. Viele Kinder und Jugendliche aus Venezuela werden organisiert in Gruppen in den Hotels der Insel für ein oder zwei Wochen untergebracht und betreut, gratis!

Die schönsten Frauen der Welt?
Leider scheint das mit den schönsten Frauen der Welt, die angeblich aus Venezuela kommen sollen, eher ein Gerücht zu sein. Es hat hier zwar fast jede Frau einen stolz vor sich hergeschobenen Silikonbusen, das Geld hätte aber besser in eine Fettabsaugung investiert werden sollen. Frauen unter 90 kg sind hier rar.

Nasser als nass am Fischerboot
Wir besteigen ein Fischerboot. Durch diese Prozedur sind wir bereits nass, bevor wir auch nur eine nautische Meile zurückgelegt haben. Dann hebt sich das Vorderteil des Bootes aus dem Wasser und fliegt mehr als es fährt an der Küste entlang. Was bis jetzt noch trocken war, ist nun durch Spritzwasser getränkt, vor allem weil unser Kapitän große Freude an scharfen Kurven hat. Will er wirklich das Boot heute noch versenken oder uns von Board schleudern? Es kommt auch noch Wasser von oben dazu. Ein heftiger Schauer erinnert uns daran, dass wir das Land eigentlich zur Regenzeit bereisen. Wir fahren den dunklen Wolken davon und landen auf einer kleinen Strandzunge zwischen romantischen Felsen. Ja, so lässt es sich leben.

Mittwoch, 19. August 2009

Reisebericht Bali & Singapur

Start der Reise: Unterwegs nach Singapur
Heute ist der Tag des Flughafens. 3 Uhr 30 Aufstehen und mit Julia nach Schwechat fahren. Nach zehn Jahren teilt sich die Familie im Urlaub erstmalig. Julia fliegt nach Texas und wir über Singapur nach Indonesien. Die Müdigkeit ist gewaltig, vielleicht hätten wir gestern nach dem Grillen keine Mochitos mehr schlürfen sollen.

Julia wird gut „aufgegeben“ und wir haben noch den Tag über Zeit zum Packen. Also zurück vom Flughafen nach Wien, zwei Stunden schlafen und dann beginnt das Aufräumen, Hasen versorgen und Koffer befüllen. Natürlich finde ich meine Taucherflossen nicht, Lieblingshosen sind in der Schmutzwäsche und das Buch das ich schon immer im Urlaub lesen wollte ist wie vom Erdboden verschwunden. Interessant ist auch dieses Reisegesetzt: Egal wie viel Zeit man hat, man wird immer in der letzten Sekunde fertig. So auch heute.

Beinfreiheit im Flugzeug dank Sitzplatz vor dem Notausgang. 13 Stunden Flug vergehen sprichwörtlich. Zwei Filme und ein Nickerchen später, haben wir das Gefühl gerade mal in Antalya gelandet zu sein, aber nicht in Singapur. Doch!

Auf der Liste der Superlative können wir nun nach dem Welt größten nun auch das Welt höchste Hotel als Gäste abhaken. The Stampfort überragt den Stephansdom und wir bekommen ein Zimmer ganz oben. Auf Augenhöhe mit drei Überschall-Militärjets. Der 8. August ist Nationalfeiertag in Singapur und dazu gehört auch die Demonstration militärischer Macht. So eindrucksvoll die Jets mit ihrem Donnern, so lustig die marschierenden Truppen unten. Hunderttausend Menschen auf der Straße. Alle warten auf das Feuerwerk. Nach den ersten Leuchtkugeln begeben wir uns auf die Suche nach einem Restaurant. An zweiminütige Rotphasen von Fußgängerampeln muss ich mich erst gewöhnen.

Gänseköpfe, gedörrte Hühnerzungen, rosarotes Schweinefleisch und schwarz-graue Eier. Petra tut sich schwer für heute Abend das richtige Lokal zu wählen. Mehrmals betreten wir eine Speisestätte, doch jedes mal müssen wir die, ob neuer Gäste, verzückten Kellner wieder enttäuschen. So schnell können wir unsere europäischen Gewohnheiten nicht ablegen. Das Essen mit Stäbchen ist eines, doch was dazwischen eingeklemmt wird anderes! Aber wir müssen nicht verhungern. Red Curry und Schrimps mit süßem Chilli sind nun unsere Wahl und wir merken, was hier als süß gilt ist bei uns schon Teil einer Mutprobe. Aber wir sind tapfer, schwitzen beim Essen und putzen brav zusammen. Zum Glück wird das Singapur-Bier in Literflaschen auf den Tisch gestellt.


Tag zwei: Die Welt ist klein
Tag zwei beginnt erst nachmittags. Ich beherrsche mein Handy immer noch nicht und so lässt uns der Wecker bis halb eins schlafen. Wir sind zwar der Mitteleuropäischer Zeit einiges voraus, doch das üppige Frühstück im Hotel hole wir nicht mehr ein.

Auf nach „little India“, dem angeblich noch ursprünglichsten Teil von Singapur. Wir gehen zu Fuß, um die Dimension der Stadt zu ergründen. Hindu-Tempel, Buddha-Tempel und Einkaufs-Tempel, dicht nebeneinander. Kurz erhöhter SMS Verkehr und am Abend treffen wir Familie Kögl. Man hat ja kaum Zeit sich in Rodaun zu unterhalten, also gemeinsames Abendessen in Singapur, die Welt ist klein.


Tag drei: Saubere Stadt und dreckiges Klo
Das National Museum in Singapur steht auf dem Programm. Das Frühstück haben wir dank Petras Wecker erreicht und von der Kalorienmenge auch zugleich Mittag- und Abendessen zu uns genommen : Dim sum, getrockneten Fisch, und viele für uns unaussprechbare asiatische Spezialitäten. Das Museum ist eine multimediale Überraschung. Ein Audioguide führ uns durch 700 Jahre Geschichte von Singapur. Wobei es die Stadt im eigentlichen Sinn erst seit knapp 200 Jahren gibt. Nach zwei Stunden sind wir durchgefroren. Wieder so eine Gesetzmäßigkeit: Klimaanlagen sind prinzipiell um mindestens 5 Grad zu kalt eingestellt. Also raus in die Wärme. Vor der Tür ist die Geschäftsstraße mit der weltweit größten Einkaufszentrumsdichte. Doch bereits nach einer Stunde habe ich genug von diesen Shopping-Center. Next Stopp: China Town in Singapur. Hier finden wir in der angeblich saubersten Stadt der Welt das dreckigste Klo. Urlaub besteht ja meist aus nichts tun, shoppen und essen und sich davon erholen. Also denken wir schon wieder ans Essen.

Entlang des 11km langen Flusses durch Singapur gibt es im Stadtzentrum zwei Lokalmeilen. Gestern hatten wir ja bereits erfolgreich das rechte Ufer, „Clarke Quay“ getestet. Heute ist also „Boat Quay“ links am Ufer an der Reihe. Ein arabischer Bazar ist nichts dagegen. Hunderte Eintreiber versuchen uns ihr Essen einzureden, versprechen Freibier, doppelt Wein oder gar „Half price“. Bei soviel Gastfreundschaft vergeht uns fast der Hunger und etwas überfordert entscheiden wir uns für das letzte, ein indische Lokal. Zum Glück haben wir erst nach dem Essen einen Blick in die Küche geworfen. Diese Flussseite sollte eigentlich „Kloake Quai“ heißen! Also brauchen wir einen Schnaps, oder etwas Ähnliches, dass unseren Magen, oder zumindest unsere Gedanken über Salmonellen, Würmer, Keime, Sporen und Pilze beruhigt. Mit dem Lift geht es in unserem Hotel auf über 200 Meter. Hier in der Cocktailbar direkt über unserem Hotelzimmer haben wir zwar die gleiche Aussicht, wie ein paar Meter tiefer, aber zusätzlich unsere Magendesinfektion, im Form von zwei Caipirinhas.


Tag vier: Von Singapur nach Bali mit Schwierigkeiten
Alles läuft glatt, ein erholsamer Flug in einem fast leeren Flugzeug und dann Zollkontrolle in Bali. Die überall am Flughafen plakatierten Todesstrafandrohungen beziehe ich nicht auf mich, sind wir ja nicht als Drogenkuriere unterwegs. Dennoch befinde ich mich schon wenige Augenblicke später in einem Verhörraum. Wahrheitsgemäß habe ich auf dem Einreiseformular den Wert meiner Videokamera mit 10.000€ angegeben und unsere Laptop (sorry, natürlich ein MacBook Pro) erhöht meinen Wert nochmals um 3.000€. Also besitze ich 12.000€ zu viel an Wertgegenständen. „Ob ich hier arbeiten möchte, ob ich Journalist sei, worüber ich berichte“? Fragen prasseln auf mich ein. „Nein das ist keine TV-Kamera, just for fun, honeymoon anniversary, after 20 years of marriage“, so meine stereotypen aber freundlichen Antworten. Jetzt gehen die misstrauischen Fragen der Zollbeamten eher in die Richtung, welche Art von „privaten“ Filmen ich denn gedenke zu drehen? Fast eine Stunde zähen Verhandelns und Befragens vergehen. Mein Pass wird von vorne bis hinten gecheckt. Dann kommt Bewegung in das Spiel. Ich könnte eine Kaution legen und dürfte dann mit der Kamera einreisen. Zehn Minuten tippt der Beamte in seinen Taschenrechner, schreibt Unmengen an Zahlen auf ein Formular und präsentiert mir dann stolz die Summe, für die in bar zu bezahlende Kaution. 1800$! Ich schaue hilflos, beteuere nicht mehr als 200€ in der Geldtasche und 300€ versteckt in meinem Schuh zu haben. Zum Beweis ziehe ich die Schuhe aus und hole das etwas in Mitleidenschaft gezogene Geld hervor. Doch davon könnte ich nichts hergeben, bedauere ich, ich muss ja die nächsten Wochen auch essen und Hotels bezahlen. Die Mitleidsmasche funktioniert, oder waren es die unansehnlichen Scheine aus dem Schuh? Und da soll noch irgendjemand sagen „Geld stinkt nicht!“. Der Beamte wird weich. „1000$“, „600$“, die Auktion ist ausgerufen. Ich hole nochmals all mein Geld hervor und beteuere, dass das so nicht funktioniert. Ich brauche mein Geld für den Urlaub. Nach über einer Stunde gibt der Zollbeamte auf. Ich soll meine Kamera einfach wieder einpacken, nicht viel reden und an den anderen Beamten unauffällig vorbeigehen. Endlich, Bali ich komme! Ob ich es auch jemals wieder verlassen werde können?

Transfer kann man die drei Minuten vom Flughafen ins Hotel eigentlich nicht nennen. Hier sind wir also zwischengeparkt und warten auf den Start unserer Bali Rundreise morgen Früh. Für Fans von Flugzeugen ein tolles Hotel. Freie Sicht vom Strand auf landende und startende Flugzeuge, alle zehn Minuten. Leider wird es schon finster und ich sehe nur die Lichter der Flugzeuge. Wir essen gut und sind eigentlich sehr müde, ein wenig machen wir uns Sorgen über den Fluglärm – unbegründet! Die zentrale Klimaanlagen unserer wirklich romantischen Herberge übertönt alles.


Tag fünf: Unterwegs nach Ubud
Ein Minibus holt uns pünktlich ab. Straßendörfer ziehen an uns vorbei, dazwischen üppig grüne Reisfelder. Wir lernen ein wenig über balinesische Handwerkskunst: Silberschmied, Holzschnitzer, Stofffärber, … natürlich sind die Verkaufsräume immer größer als die Werkstätten, die wir besuchen. Das Ziel des heutigen Tages ist Ubud.

Ubud hat gefühlte 1000 Geschäfte. Hier ist echt etwas los. Wir umrunden einmal das Dorf und stechen kurz in eine Nebengasse. So laut es in Ubud ist, so leise ist es in den Reisfeldern rund um Ubud. Unser Hotel ist neben dem „Monky Forest“. Wir wagen einen Besuch zu Einbruch der Dunkelheit. Hunderte Affen tummeln sich um uns. In wenigen Minuten wird es Nacht. Wir beschließen eine Wiederkehr morgen Früh bei mehr Licht.


Tag sechs: Von Ubud nach Lovina
Tempel, Reisfelder und üppige Landschaft. Hier hat jedes Haus seinen Haustempel, jedes Dorf mehrere Dorftempel und dann gibt es noch zentrale Heiligtümer. Am Straßenrand Frauen, die ihre Opfer bringen, kleine Schalen mit Dingen des täglichen Bedarfs werden für böse und gute Geister direkt auf der Straße dargebracht, Schutzamulette auf Autos und Motorräder befestigt. Gleichsam faszinierend wie erschreckend: Unter welcher Angst, und Fremdbestimmung der Geisterwelt die Menschen hier leben.

Der Reisanbau ist aufwändig, das Bewässerungssystem ausgeklügelt. Wir bleiben stehen, gehen zu einem Bauern. Reiseanbau ist reine Handarbeit. Bis zu den Knien im Schlamm stehend jätet der Bauer jeden Unkrauthalm zwischen den Reispflanzen und legt den Bewässerungskanal frei.

Weiter geht es zum Meerestempel und dann noch zu einem Seeheiligtum. Nach zwei Stunden Fahrt durch die wolkenverhangenen Berge kommen wir in Lovina am Nordende von Bali an.


Tag sieben: Vulkan und Ostküste von Bali
Wieder schrauben wir uns auf engen Straßen durch dichten grünen Wald auf über 1000 Meter. Die Sicht auf einen noch aktiven Vulkan wird frei, allerdings durch Dunst und Wolken leicht getrübt. Mittagessen auf einer Terrasse mit Blick auf den Vulkan und den alten Kratersee. Immens, welch Kräfte diese Landschaft gestaltet haben.

Next Stop: Ein tropischer Garten. Man könnte hier überall stehen bleiben und meinen, man wäre bereits in einem tropischen Garten, aber wir fahren zu einem Stück Land, wo auch Wege durch die üppige Vegetation führen. Eigentlich ist es eine Kaffee-Plantage, doch hier wird Mischkultur beim Pflanzenanbau praktiziert. Zwischen den Kaffeepflanzen stehen „Stinkbäume“, Kakaopflanzen, wachsen Avocados, Mangostins, Ananas und viele für uns unaussprechbare Früchte. Bali hat keine Industrie. Die Menschen verwenden für ihre Arbeit kaum Maschinen, fast alles wird in Handarbeit erledigt. Eine alte Frau röstet Kaffeebohnen auf Holzscheiten, eine jüngere stampft die schwarzen Bohnen in einem Mörser, dann wird gesiebt, zum Schluss das Pulver aufgebrüht. Wir bekommen eine Kostprobe serviert, für mich zum Glück mit viel Zucker.

Am Abend landen wir wieder in einem wunderschönen Hotel. Für uns (noch) ungewohnt: Bad und WC sind unter freiem Himmel.


Tag acht bis zehn: Auf nach Gili Island
Wecker Nr. 1 läutet um 4:00 Uhr früh, Handyuhr eine Minute später und dann zerstört auch noch der Hotelweckruf die Nachtruhe. Wir wollen auf Nummer sicher gehen und keinesfalls verschlafen. Kurz vor 5 Uhr sitzen wir auch schon im Auto und fahren Richtung Flughafen. Hell wird es hier erst gegen sieben Uhr in der Früh. Dann beginnt auch das Leben in den Dörfern. Tausende Mopeds und Motorräder schlängeln sich auf den engen Straßen, Fahrtrichtungen spielen hier keine Rolle. Wo Platz ist, wird gefahren. Auf manchen Mopeds sitzen bis zu vier Personen, oder es ist mehr Gepäck angeschnallt, als in einen PKW passen würde.

Abflug mit einer kleinen Propellermaschine (Zum Glück lese ich erst später davon, dass alle Indonesischen Fluglinien auf der „Schwarzen Liste“ stehen). Nicht ganz dreißig Minuten dauert der Flug von Bali nach Lombok. Dort geht es mit dem Auto weiter zu einem Minihafen. Lombok macht einen ganz anderen Eindruck als Bali. Die Häuser haben keine Tempel, die Bevölkerung ist zu 90% muslimisch. Die Vegetation ist trockener.

An dieser Stelle müssen Petras Großtaten erwähnt werden. Hätte sie nicht einer italienischen Mama gleich, wortgewaltig ein Boot organisiert, würden wir sehr wahrscheinlich noch immer warten! Und etwas später gleiches mit unserem Hotelzimmer (sorry Hotelstelzenzelt).
Also Umstieg auf ein Schnellboot mit Sack und Pack. Drei 200 PS Yamha Motoren bringen das Boot fast zum fliegen. Unser Ziel ist Gili Trawangan. Die größte der drei Gili Inseln. Unser erster Eindruck: Wir sind auf einer Hippiekolonie mit Vierstern-Hotel-Charakter gelandet. Auf Gili gibt es keine Autos und kein Süßwasser. Ein Eselkarren bringt das Gepäck zum Hotel, unser Zimmer ist eine Art Zelt auf Stelzen, jedoch mit Balkon, Aircondition und einem Freiluftdusch- und Waschplatz. Aus den Rohren kommt Salzwasser. (Zähneputzen mit „Paradontax“-Zahncreme - das ist die mit Salzgeschmack - ist dagegen wie Zucker schlecken.) Von unserem „Hochbett“ führt eine schmale Leiter hinunter zum WC ins Freie. Beim Bau haben die Architekten offensichtlich nur fragile und zartgliedrige Indonesier vor Augen gehabt. Wohl genährte Europäer kommen hier schnell an die Grenzen der Physik.

Die Insel macht einen sehr relaxten Eindruck. Überall kleine Restaurants und Bars. Wir trinken hier auch die besten Capirinhas in Indonesien und das Essen ist vorzüglich, wenn man nicht gerade mexikanische Burritos bestellt.

Wir beschließen einen Schnorchelausflug zu den besten Riffpunkten aller drei Gili-Inseln zu wagen. Zwanzig Leute finden sich auf dem Boot gegen 10:30 Uhr ein und schon wenige Minuten später sind wir im Wasser. Die Strömungen sind so stark, dass wir unmöglich dagegen anschwimmen können. Innerhalb kürzester Zeit, treibt es uns mehrere hundert Meter über den Meeresboden, wie in einem Wildbach. Das Boot fährt uns hinterher und sammelt alle Schnorchler wieder ein. Alle? Eine Person ist abgängig! Voll Schrecken suchen wir die Wasseroberfläche ab. Weit und breit niemand zu sehen. Erst als wir mit dem Boot ein paar hundert Meter weitergefahren sind entdecken wir unsere abgängige Person. Offensichtlich ist der Franzose in eine besonders starke Strömung geraten. Das sollte aber nicht die letzte Schrecksekunde auf diesem Ausflug bleiben. Beim nächsten Schnorchelgang, am so genannten „Turtle-Point“, suchen wir einen abgängigen jungen Burschen für mehr als 10 Minuten, bis wir ihn im Meer endlich entdecken. Entschädigt werden wir durch die Begegnung mit drei riesigen Meeresschildkröten. Fast schon vergessen, dass unser Bootskapitän mit leerem Tank weg gefahren ist und dies ist erst auf offenem Meer nach Ausfall des Motors entdeckt hatte. Aber für 7,5 Euro war der kurze Trip vorerst richtig günstig. Oneway? Nein, wir wurden dann doch von mit Benzinkanistern ausgestatteten „Freunden“ gerettet.

Mittagessen auf Gili-Air, der kleinsten Insel. Hier ist alles ein bisschen schmuddeliger. Trotzdem entdecken wir hier ist der schönste Strand mit weißem Korallensand. Zurück vom Schnorcheln gibt es zum Abendessen natürlich frischen Fisch.

Dass wir bei der Rückfahrt von Gilli mit Koffer und Gepäck durchs Meer zum Boot waten müssen, haben wir vorher nicht bedacht. Vielleicht hätten wir uns dann andere Schuhe angezogen. Ebbe und Flut haben auch hier, wie überall in Indonesien, große Unterschiede. Leicht feucht erreichen wir unseren Flieger nach Bali zur letzten Station unserer Reise: Nusa Dua Beach.

Tag elf bis einundzwanzig: Relaxen

Donnerstag, 30. Juli 2009

Reisebericht Kasachstan

Bis vor wenigen Stunden war Kasachstan für mich das Synonym für „ganz wo anders“ und vor allem „keine Ahnung wo“, nun spult der Monitor in der Flugzeugkabine virtuell den Flug immer wieder ab. Frankfurt, Moskau, Astana. Fünfeinhalb Stunden und dann sollte ich dort sein, wo Europa endet und Asien beginnt, zumindest in den Köpfen der Menschen. Nach der fünfzehnten animierten 3D Wiederholung weiß ich nun genau wo Kasachstan liegt und dass es mindestens so groß sein muss wie der Rest von Europa.

Ich bat beim Einchecken um einen Platz am Fester oder am Gang. Bekommen habe ich einen schmalen Slot in der Reihe sieben zwischen einem Ehepaar aus Kasachstan um die 60 Jahre. Beide sehr freundlich ständig um ein Gespräch bemüht. Er spricht sogar zehn Worte deutsch. Unsere Diskussion über die großen Probleme der Menschheit hat sich dann aber doch nach 30 Minuten erschöpft. Also reden die zwei miteinander kasachisch, immer über mich in der Mitte hinweg, rücken von links und rechts immer näher an mich heran. Ich fühle mich „richtig wohl“, probiere die Augen zu schließen, um in eine Art hypnotische Flugstarre zu verfallen, aus der ich mich nach 5 Stunden hoffentlich selber wieder befreien kann.

Zumindest nach außen sichtbar klappt das sehr gut und so attestiert mein Sitznachbar kurz vor der Landung: „Du so still, meine Frau immer bewegen und schnarchen, oh!“.

5:30 Uhr in der Früh. Die Sonne blitzt durch die Häuserfluchten von Astana, der Flieger setzt auf. Was sich mir zeigt entspricht so gar nicht dem Bild meiner Erwartungen von in der Steppe lebenden Hirten. Wo bin ich da gelandet? Eine Stadt als Kreuzung von Las Vegas und Disneyland mit ein paar rumänischen Präsidentenpalästen dazwischen. Astana ist auf den ersten Blick eine klinisch saubere Modellstadt, am Reißbrett entworfen. Auf den zweiten Blick ist vieles noch Baustelle. Hinter den fertigen Fassaden ist er Ziegel noch roh. Nach außen wird hier geklotzt und nicht gekleckert. Hier sind einige Stadtplaner direkt von den Legosteinen auf Betonklötze umgestiegen und spielen Sims im realen Leben. Achtspurige Prachtstraßen, Pyramiden, kunstvolle Brücken eine Fantasielandschaft, wie sie in einem Vergnügungspark nicht schöner zu finden ist. Und schon bald soll das ganze um ein vielfaches größer werden, Million Menschen beherbergen.

Ich treffe Journalisten aus Frankreich, England, Spanien, Deutschland und Chile. Als Gruppe werden wir durch die Stadt chauffiert. Die Stadt bleibt Fassade. Wo sind hier die Menschen? Wo kaufen sie ein, wo leben sie, wie verbringen sie ihre Freizeit? Von außen kann man den Gebäuden, die teilweise die Gesetze der Schwerkraft aufzuheben scheinen, ihre Nutzung nicht ablesen: Pyramiden, Eier, Trichter, Kegel, schief und gerade, gigantische Gebäude wie Nester, oder ein Glassturz der gleichsam eines Biosphäre-Experiments Bäume, Straßen und Wohnungen beherbergt.

Stopp bei der großen Moschee. Natürlich ein Prachtbau. Platz für 5000 Gläubige. Wir treffen den Obermufti von Astana. Er sprich von einem toleranten Islam, von Friede und Verständigung unter den Religionen. Das selber etwas später beim Erzbischof Tomash Peta. Auch hier viele „fromme“ Worte. Doch wo wird Verständigung, Toleranz konkret, wo findet der Dialog zwischen den Religionen statt? Ist in dieser Stadt wirklich alles Fassade?

Apropos Fassade: Auf der Abtei außen ist ein riesengroßes Plakat vom Papst angebracht. Nein nicht Benedikt XVI., sonder Johannes Paul II. Obwohl man hier der Zeit voraus ist, scheint man bei manchen doch eher hinterher zu sei. Aber Rom ist weit!

Die Regierung stellt uns Dolmetscherinnen zur Seite. Sie wetteifern weniger mit ihren Übersetzungen, als vielmehr über die Höhe der Stöckelschuhe und Spitze der Absätze miteinander. Von nun an ist unsere journalistischer Blick auf die Schuhe der Frauen gerichtet. Unter sieben cm Absatzhöhe geht hier kein Frau auf die Straße.

Was den Frauen ihre Absätze, sind den Polizisten ihre Kappen. Ich glaube bei etwas stärkerem Wind können sie damit sogar fliegen.

Vor mir eine Pyramide, wie sie die alten Ägypter nicht besser hätten bauen können. Noch steht sie am Stadtrand von Astana, der elf Jahre alten Hauptstadt von Kasachstan. Aber schon bald soll sie sich im Zentrum dieser neuen „künstlichen“ Stadt befinden. Unterirdisch betreten wir Journalisten das gigantische Bauwerk. Sicherheitschecks wie am Flughafen. Dann geht es mit dem Schrägaufzug aus dem Keller hinauf zur Ebene sieben. Rund 70 Kameraleute, 100 Fotografen und rund 200 Journalisten drängen sich hier um die besten Plätze.

Die „Weltkonferenz der Religionen“ in Kasachstan beginnt: Raumschiff Enterprise next generation. Dieses Bild werde ich nicht mehr los. Hier sitzen sie also die religiösen Führer dieser Welt in ihren bunten Gewändern. Turban und Talar, Kutte und Kaftan. Das Bild aus der Scienc Fiction TV-Serie wird hier Realität. Meine Gefühle sind nicht klar: Zeigt sich hier Vielfalt und Tradition oder Eitelkeit und Macht? Ich tendiere zu Eitelkeit und Macht. Wie Politiker lassen sie sich viele hofieren, bemühen Unterhändler die zuarbeiten, geben sich teilweise unnahbar. Rundherum ein großer Medienzirkus.
Immer wieder kommen kasachstanische Sicherheitsbeamter auf uns zu. Jetzt dürfen wir filmen. Hundertschaften von Reportern stürzen sich die schmalen schrägen Gänge in der Pyramide hinab, bis zum Roundtable der Großen. Unten schicken dann andere Sicherheitsbeamte alle unverrichteter Dinge wieder hinauf. Ein Spiel, dass wir Journalisten noch ein paar Mal spielen dürfen.

Ich such mir einen anderen Weg, entziehe mich der informationssüchtigen Journalistenmasse und finde eine kleine offene Tür ohne Security. Pyramiden haben immer schon Geheimgänge gehabt. Es geht steil im Dunkeln bergauf. Ein paar Minuten später bin ich in der Glasspitze der Pyramide angekommen. Von hier hat man einen wunderbaren Blick über Astana, doch alles wirkt von hier noch konstruierter: Strassen, Wege, Bäume, Häuser. Alles steht an seinem Platz, einer höheren Reissbrett Ordnung folgend.

70 Meter tiefer versprechen die religiösen Führer dieser Welt einander Freundschaft und gegenseitige Anerkennung. Freude, Friede, Eierkuchen … alle Probleme sind gelöst zumindest hier, zumindest für wenige Augenblicke, denn dann verlässt die Iranische Delegation von Religionsvertretern den Saal, als Israelis sprechen.

Drei Tage gemeinsames Schleppen von Kameras und Equipment verbindet. Mehr als die Hälfte aller TV-Berichterstatter sind Video Journalisten. Zuerst sind es die lustigen Geschichten, von Verwechslungen am Flughafen, oder Pannen beim Dreh, doch dann hört man die Geschichten von viel Arbeit, von nie zu Hause sein, Stories von am Job zerbrochenen Beziehungen. Es sind intensive Tage. Ich habe das Gefühl schon zwei Wochen in Kasachstan zu sein. Bei der Konferenz treffe ich Interviewpartner aus Ankara, Istanbul und Damaskus, sie erkennen mich wieder, „wow, bin ich Polyglott“.

Besuch in der russisch orthodoxen Kirche in Astana. Fünf Kameraleute und vier Fotografen „stürzen“ sich auf sieben frommen Frauen in der Kirche. Die Andacht beginnt und bleibt durch unsere Präsenz doch recht unandächtig. Dennoch, die kleine orthodoxe Wochentagsgemeinde bleibt uns gewogen, singt tapfer die Litanei zu ende und zeigt uns nach dem Gottesdienst sogar die Baustelle ihrer neuen orthodoxen Kirche. Bombastisch, kitschig, riesig. Wie könnte es anders sein in Astana.

Aber endlich sehe ich, wo all die Menschen leben. Es gibt ein zweites Gesicht von Astana. Einen alten Teil, mit „echten“ Häusern, „echten“ Menschen. Hier gibt es Geschäfte, Verkehrsstau und Dreck. Eine ganz normale Stadt also.

Nächtliche Fahrt mit dem Taxi durch die Stadt. Der Taxifahrer hält unsere Journalistengruppe für verrückt. An jedem Fenster klebt einer mit einer Kamera und versucht die kunterbunte Lichtstimmung der Stadt einzufangen. Überall blinkt es, spielen die Farben auf den Hausfassaden, projizieren starke Projektoren bunte Bilder auf die Häuser. Alle 500 Meter machen wir einen Stopp, Stativ aufbauen, drehen, abbauen. Wir brauchen so drei Stunden für eine Strecke von 10 Minuten. Kommen erst um zwei Uhr in der Früh wieder zurück ins Hotel.

Um vier Uhr muss ich schon wieder zum Flughafen. „Schnell“ speichere ich meine Drehdaten, um zumindest eine Stunde zu schlafen. Am Flughafen ist kaum etwas los. Der Handgepäck-Scan ist versperrt. Ich setze mich davor und warte eineinhalb Stunden. Russische Ansagen, kasachische Schrift, die Hektik um mich berührt mich nicht. Dann werde ich doch etwas unruhig. Mein Flieger geht in 40 Minuten, warum kann man nicht zum Gate? Was ich nicht weiß, man muss über die Absperrung darübersteigen. Doch jetzt ist mein Gate nicht nur „abgesperrt“ sondern auch schon „closed“. Zum Glück erbarmt sich dann das Flughafenpersonal meiner und ich darf doch noch in Richtung Moskau und dann weiter nach Wien fliegen. Und noch eine Bemerkung sei mir erlaubt: Warum trinkt alle Menschen im Flugzeug Tomatensaft?

Mittwoch, 13. Mai 2009

Reisebericht Durban - Südafrika

Melde mich aus Durban, genauer gesagt aus Marianhill. Hier haben die Weißen schon vor mehr als hundert Jahren eine katholische Festung mitten in die schöne Landschaft Südafrikas gebaut. Ein bisschen steirisches Hügelland, ein wenig Wienerwald und dazwischen Perchtolsdorfer Heide mit vielen Schrebergartenhütten.

Den Flug oder besser gesagt die Flüge hatte ich ein wenig unterschätzt aber 10.000 km sind eben kein Spaziergang, auch nicht in der Luft. Wenngleich, nach keinem Flug hat man wirklich das Gefühl weit fort zu sein. Irritierend ist hier, dass die Sonne „falsch“ aufgeht. Das heißt in der Früh erlebt man eine rückwärts laufenden Sonnenuntergang und die Früh beginnt hier täglich wirklich früh, denn die Leute nutzen das Tageslicht wegen der Kriminalität. Die soll hier super hoch sein. Alle fürchten sich, haben Meter hohe Zäune, Eingangsschleusen und werden trotzdem ständig überfallen. Das heißt niemand geht vor oder nach Einbruch der Dunkelheit aus dem Haus.

Auch sonst Schauergeschichten an jedem Ort. Wenn man zum Beispiel vom Bankomaten abhebt, wird man bis nach Hause heimlich verfolgt und dann dort unter Anhalten ein Pistole seines Geldes entledigt. Habe daher noch kein Geld abgehoben! Selbst Tonnen schwere Kerzengießmaschinen werden hier wie Kugelschreiber gestohlen, wurde mir in der Missionsstation erzählt.

Am Sonntag war ich am Indischen Ozean. Meterhohe Wellen, gigantisch. Mehrere Stege lassen einen in „sicherer“ Höhe, von etwas weiter draußen, das Meer betrachten. Ich hab mir noch gedacht, woher wissen denn alle, dass die Wellen wirklich nur 7 Meter und nicht manchmal auch 9 Meter hoch sind. Kaum gedacht, kam auch schon eine 9 Meter hohe Welle. Kann nun sagen, dass ich nicht nur am, sondern auch im Indischen Ozean war. Meiner Kamera hat es weniger gut gefallen. Aber fünf Stunde Föhnwind, dank der Hilfe eines Hairdryers, haben dann kurz vor dem Schmelzen der Kamerahülle, wieder die Lebensgeister in die Kamera zurückgebracht.

Hauptziel meiner Berichterstattung ist Jambulani. Seit zwanzig Jahren betreut hier Sister Act III (Sr. Marco) arme Frauen und Kinder.

Untergebracht bin ich in der Pension „Tre Fontain“, super Küche, passable Zimmer, und beste Betreuung durch katholische Schwestern. Beim Abendessen findet sich täglich eine kurioses Mischung von Gästen ein. Da ist zum Beispiel der Italiener Roberto (84 Jahre alt). Er mietet seit zwanzig Jahren hier ein Zimmer und ist leidenschaftlicher Billiardspieler. Also ging es gleich am zweiten Abend entgegen aller Sicherheitswarnungen hinunter in die Stadt ins „Schlurf“. Ist noch viel schlimmer als es klingt. Roberto hat seinen Führerschein vor 65 Jahren gemacht und seither vergessen, dass es Geschwindigkeitsbeschränku

ngen gibt. Da macht sich vor allem bei den „speed reduction“ Schwellen bemerkbar. Für Roberto scheinen sie nicht zu existieren. Ich hingegen spüre sie noch immer im Kreuz.

Und dann gibt es hier noch einen alten Schotten. Vielleicht würde er im Rock besser aussehen, aber die kurze Hose sieht einfach wie eine Windel aus. Optisch sind eindeutig zwei Kanadierinnen der beste Anblick, fallen aber eher in die Kategorie „Kerzerlschlucker“.

Ab 17:00 Uhr ist es dunkel um 18:00 Uhr Abendessen, spätestens um 20:30 Uhr sind alle im Bett!

An jedem Eck ist hier ein Hilfsprojekt entstanden. 200 Jahre später versucht hier offensichtlich der Westen, ein wenig die Verbrechen der Sklaverei gut zu machen. Rund 4 Millionen Menschen leben rund um Durban. Meist arbeitslos, einkommenslos und perspektivenlos. Kaum jemand hat eine Idee oder Lösung wie man diesen Teufelskreislauf von Armut und Kriminalität durchbrechen kann.

Übrigens hat drei Kilometer vor Durban ein Österreichischer Architekt eine großen Hare Krishna Tempel gebaut. Täglich wird dort für etwa 1000 Bedürftige gekocht und mit Autos das Essen in die „Siedlungen“ gebracht. Am Sonntag war ich kurz dort.

Schön, dass man überall auf der Welt Bekannte Gesichter trifft. Zumindest bekannt aus Funk und Fernsehen. Stefan Krobath hatte ja auf seiner Weltreise eine Zivildiener in Südafrika interviewt. Ich kann mich noch recht gut an diesen Beitrag erinnern und traute meine Augen nicht, als ich Martin Teufel plötzlich auf der Straße sah. Er arbeitet nun hier als Sozialarbeiter und studiert nebenbei. Also ging es heute mit ihm hinaus in die Gegend und wir besuchten Kinderbetreuungseinrichtun

gen des Outreachcenters des St. Mary Hospitals. Zu Mittag gab es vom Lebensmittelgeschäft mitten im Nirgendwo Krapfen mit Extrawurst. Das ist hier eine Spezialität. (Muss man aber dazusagen, denn schmecken tut man das nicht).

Und noch etwas aufregendes habe ich gestern erlebt. Besuch bei einer Sangoma oder auch which doctor genannt. Die Frau hatte 120 Kg, wobei jede ihrer Brüste alleine über 30 Kg Gewicht beigetragen hat. Sie mischt Kräuter, braut Essenzen und rührt Salben. Zu ihr kommen Menschen um Diebesgut wieder zu finden, Verbrecher zu entdecken, oder auch Mörder, um sich von der anhaftenden Seele nach einem Mord zu befreien … . Übrigens hat sie ein Diplom vom Staat und darf vor ihren Namen den Titel Dr. tragen. Ich weiß nicht ob ihre Salben helfen aber kochen kann sie jedenfalls sehr gut.

Spannende Begegnung mit zwei Steirern. Das Ehepaar lebt seit 44 Jahren in Südafrika. Viele Gespräche drehen sich um die Zukunft des Landes. Aus der Sicht der Exilsteirer gibt es nun eine umgekehrte Apartheit. Nach wie vor zählt die Hautfarbe. Egal ob Südafrikaner oder nicht, jede Firma muss einen schwarzen Teilhaber haben, sonst darf in Südafrika nichts verkauft werden. Das Problem dabei: Es gibt kaum Schwarze mit genügend Kapital.
Apropos Wirtschaft: Korruption heute wie früher, nur: „Die Kuh wurde früher vorne gefüttert und hinten kräftig gemolken. Heute wird nicht mehr gefüttert, dennoch kräftig gemolken und dann wird auch noch das Fleisch aufgegessen“. Ein drastisches Beispiel, von Weiße hier in Südafrika gerne erzählt. Pater Georg von Marianhill, den ich zufällig treffe und mit dem sich ein spannendes Gespräch ergibt, besuche ich nochmals am Abend im Kloster. Er hat noch eine andere These zur Korruption. Die Tradition verpflichtet die Zulus einander zu helfen, Bitten von Freunden und Verwandten dürfen nicht abgeschlagen werden. Wenn Schwarze Betriebe übernehmen, werden sie oft um Hilfe angebettelt, der sie sich eigentlich nicht entziehen können. Also wird aus dem Kapital der Betriebe an die Freunde abgegeben, manchmal bis zum kompletten Ruin der gesamten Firma. Korruption als echter Freundschaftsdienst.

Tibetische Mönche scheint es überall auf der Welt zu geben. Auch in Jabulani schaute gestern ein tibetischer Mönch vorbei. Bescheiden, freundlich lächelnd. Weniger Gleichmut habe ich jedoch gezeigt, als ich mir gestern vor lauter Eifer beim Drehen unabsichtlich einen Vormittag Arbeit wieder gelöscht habe. Wie gewonnen so zerronnen. Das sind die Nachteile von Speicherchips. An das virtuelle, nicht greifbare, muss man sich erst gewöhnen. Das, was man jetzt nicht auf Film (den Speicherchips) sehen kann, war ein Ausflug mit Arno, einem Österreichischen Zivildiener des St. Mary Hospitals. Insgesamt sieben Wohnhäuser im Umkreis von 30 Autominuten wurden so adaptiert, dass tagsüber Waisenkinder betreut werden können. Jeweils drei Frauen sollten sich pro Haus mit etwa 20 Kindern beschäftigen. Unterstützt werden sie mit Equipment, Lebensmitteln und ein bisschen Geld. War sehr spannend in die verschiedensten Gegenden im Umkreis tiefer vorzudringen und in die Wohnhäuser zu schauen.

Habe übrigens den tibetischen Mönche gerade wieder am Flughafen getroffen. Der Arme, zwei freikirchliche Christinnen haben sie auf ihn gestürzt und ein „word bombing“ über „Christ the creator“ gestartet. Am Schluss war er fast getauft. Der arme Mönche, immer nur lächeln ist offensichtlich doch nicht der Weg wie man optimal durchs Leben kommt.

Afrika ist ganz anders. Wenn man so durch die Gegend fährt, bei den Leuten zu Gast ist, würde man als Europäer so viel sehen, rasch meinen zu wissen, wie es besser, schneller, einfacher, schöner geht. Doch wer hier versucht mit europäischen Modellen, Konzepten, Normen zu handeln und zu denken wird scheitern oder sich ein Leben lang ärgern. Nicht wenige Europäer laufen seit Jahren wie gegen Gummiwände. Aber auch die Afrikaner haben es schwer mit dem europäischen Erbe. Vieles wurde hier vor Jahren begonnen, dass aber offensichtlich hier keine Tradition hat. Schwierig! So viele Menschen machen sich ständig Gedanken wie es in diesem Land weitergehen kann. Europäischer Schaffensdrang und der afrikanische „way of life“ scheinen jedoch kaum kompatibel.

Mit „Lukas“ Bengale unterwegs nach Durban. Hier wird eines der größten WM-Stadien für nächstes Jahr gebaut. Eine gigantische Hängekonstruktion. Auf dem Rückweg nochmals Stopp bei den Hare Krishnas. Gemeinsam mit dem Chefkoch geht es in die „Townships“. An rund 1000 Hungrige soll heute Essen ausgeteilt werden. Selber hungrig bietet sich in der Nähe der „Hungry Lion“, ein „Fastfoodrestaurant“, für den Lunch an. Plötzlich stoppt die laute Musik über die Lautsprecherboxen und afrikanische Musik dringt vom Grill nach vorne ins Restaurant. Kunden warten vergeblich auf Bedienung, verlassen wieder das Restaurant. Zwischen Pommes und Burger proben die Angestellten für einen Chorwettbewerb in Durban. Die Band kommt von der CD, gesungen wird live, am Handy läuft die Aufnahme für den Bewerb. Als ich klatsche gibt es eine Zugabe. Hungrige Burgerkunden müssen für eine halbe Stunde warten. Jetzt wird gesungen und nicht gebraten.

Dreharbeiten bei Gloria in ihrem Haus. Die richtige Belichtung fällt mir schwer. Kaum Licht und nur schwarze Leute, dahinter überstrahlte Fenster. Stärker könnten die Kontraste nicht sein. Gloria arbeitet bei Sr. Marco in Jambulani. Das Haus hat ihr Sr. Marco gebaut. Jetzt erweitert Gloria für ihre Tochter auf Staatskosten und hat die Bauarbeiter im Haus. Hilfsarbeiter und Lohndumper aus Kenia. Einer ihrer Söhne musste jedoch eigens anreisen um zu Überwachen, dass keine Materialien an die Nachbarn verkauft werden. Diebstahl ist ein großes Problem. Was nicht festgekettet ist, wird abmontiert. Wasserhähne halten gerade ein Nacht. Türschnallen einen halben Tag. Supermärkte sind nicht betretbar, sondern haben ein großes Gitter, durch das die Wahre nach außen gereicht wird. Mitten in der schönsten Natur leben hier Menschen in erbärmlichen Käfigen. Türen, Fenster dick vergittert. Das Grundstück mit meterhohem Stacheldraht mehrfach umfasst.

Kaum kann sich jemand ein wenig erwirtschaften wird er überfallen, das Erwirtschaftete zerstört. Wer hier nichts hat, lebt am sichersten. Jambulani, die Hilfsstation die selber mehr als bedürftig aussieht und in der es letztlich kaum etwas zu holen gibt, wurde schon 11 x überfallen. Seit ein paar Wochen gibt es eine doppelte Eingangs-Schleuse. Um 15:30 Uhr verlassen dann alle gleichzeitig Jambulani, wegen der Sicherheit. Leider sind die ärmsten Menschen scheinbar auch die brutalsten, gemeinsten und hinterhältigsten. Von selig die Armen sehe ich hier keine Spur.

Überaus freundlicher Empfang in der Moschee. Eine spannende Freitagspredigt in englisch. Angenehme endlich einmal in einer Moschee etwas zu verstehen. Die Moscheegemeinde betreibt auch einige Hilfsprojekte: Ein Spital für Arme und täglich Essensausgabe zu Mittag. Ich werde eingeladen und esse mit in der Hoffnung, dass mein Magen halbwegs wohlwollend auch auf diese Art der Speisezubereitung reagiert.

Sie sind schon ein lustiger Haufen die Schwestern vom „Kostbaren Blut“ in Marianhill. Obwohl bunt zusammengewürfelt aus aller Herren Länder, dominieren doch die deutsch sprechenden Schwestern. Jede von ihnen, meist mehr als 30 Jahre in der Mission, hatte einen mehr oder weniger trockenen Scherz auf den Lippen. Keine Spur von strengem, geknechtetem Klosteralltag, zumindest nicht vor Gästen. Sr. Marco ist dann nochmals ein eigenes Kapitel für sich. Eine Mischung aus Sister Act, Mutter Teresa, Künstlernatur und Spitzbub. Ausflug mit ihr ins Naturreservat. Auf der Suche nach Giraffen und Nashörnern war ihr keine noch so „dirty road“ wild genug. Zum Glück hat es das Auto ohne Achsbruch überlebt.

Auf dem Weg zum Flughafen wird Sr. Marco dann doch nachdenklich. Auch sie denkt an die Zukunft. Wie wird es weitergehen mit Jabulani? Wirtschaftlich ist das Unternehmen nicht zu führen. Sie ist rein auf Spenden angewiesen und merkt, dass ihr die Kräfte ausgehen.

Auch in mir bleiben nach dieser Reise viele Fragen über. Zum Beispiel: Warum schaffen es Menschen immer wieder aus einem Paradies eine Hölle zu machen?