Donnerstag, 7. November 2019

Funny Money

Drei Türen, eine Reihe von Verwechslungen und ein Koffer voller Geld. Ray Cooney hat 1994 eine Farce veröffentlicht, der man gut und gerne ein paar Jahrzehnte mehr an Alter zutrauen würde. Dazu passt der kleine Theaterraum des Theaters in der Pfarre Liesing. Er ist genauso wie das Stück, ein wenig verstaubt und in die Jahre gekommen.
Was das kleine Ensemble dort aber auf die Mini-Bühne zaubert, ist beachtlich. Nach ein paar Minuten kommt man aus dem Lachen nicht mehr heraus. Das Publikum taucht ein, in eine Welt voller surealer Wendungen und unmöglicher Verstrickungen. Komödie zu spielen ist schwer. Aufs Stichwort lustig sein, eine Herausforderung und dann noch das Publikum mitreißen, ist wirklich eine Kunst. Was Ester Simon, Georg und Andreas Simon, Jürgen Fuchs, Peter Puschmann, Silvia Mayr, Bernhard Pokorny und Roland Weber unter der Regie von Roman Mayr mit wenigen Mitteln auf die Bühne zaubern ist beachtlich. Danke für einen vergnüglichen Theaterabend in einer harten Arbeitswoche. Ich habe es sehr genossen und möchte jetzt gar nicht darüber nachdenken, was ich denn mit einem gefundenen Koffer voller Geld machen würde.

Freitag, 5. Juli 2019

Onkel Wanja

Ein Holzlager wie ein Käfig. Stehende Platten bilden undurchdringbare Wände, Latten formen ein Gitter, wie in einem Gefängnis. 2019 mutiert die Bühne vor der Burg Perchtoldsdorf zum Gut Serebrjakows in Anton Tschechows Theaterklassiker Onkel Wanja. Die einst mächtigen Wälder rings um das Gut sind jetzt zu Brettern verarbeitet. Der Schaffensdrang der Menschen hat hart eingegriffen in die Natur und den Lebensraum für Tiere und Menschen zerstört. Entstanden ist ein Käfig, aus dem es schwer zu entkommen ist. Ohne viel nachzudenken hat Onkel Wanja seine besten Jahre durchgearbeitet, um aufzubauen, Kredit abzuzahlen, um weiterzukommen. Aber wohin? Zum Nachdenken blieb keine Zeit.

Das ändert sich, als plötzlich Professor Alexander Wladimirowitsch und seine junge Frau am Gut auftauchen. Das Hamsterrad stoppt, die Erscheinung von Wladimirowitschs Frau wirft alle aus der Bahn. Die Figuren in Tschechows Theaterklassiker beginnen nachzudenken und zu begehren. Vieles am eigenen Leben scheint plötzlich sinnlos und vergeudet. Der Text wirkt wie heute geschrieben, ist aber 120 Jahre alt. Viel hat sich also nicht geändert. Regisseur Michael Sturminger bringt ihn in einer bearbeiteten Fassung auf die Bühne und steht vor einer großen Herausforderung. Denn wie zeige ich es, wenn sich Charaktere zu Tode langweilen, antriebslos Trübsal blasen und als Ausweg nicht den Schritt nach draußen, sondern nur zur Flasche sehen?
Tschechows Stück ist in der Inszenierung von Sturminger keine Komödie, auch keine, bei der einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Es gibt nichts zu lachen. Die Figuren sind auch alles andere als schillernd. Die Kostüme sind farblos und fad und das Bühnen-Holzlager-Gefängnis ist gut gedacht, wirkt aber die ganze Aufführung hindurch wie ein Fremdkörper.
Eine Freiluftaufführung hat es freilich schwer. Da sind alle drei Minuten Flugzeuge, scheppert das Personal vom Cateringzelt, dröhnt in der Ferne ein Kühlaggregat und der Blick über die Burg, bis nach Wien hinein, hilft nicht gerade bei der Fokussierung auf das Geschehen. Wenn dann auch der Ton ständig Probleme hat und der eine oder andere Schauspieler nicht mehr oder nur noch verzerrt zu hören ist, haben es die Darstellerinnen und Darsteller schwer die Spannung zu halten.
Erst nach der Pause, wenn es ringsum finster ist und die Flieger in Schwechat gelandet, rückt die Bühne mehr ins Zentrum. Dennoch packt der packende Text in dieser Inszenierung wenig. Die Figuren wirken aufgesetzt, die Charakter gespielt, die acht Menschen auf der Bühne werden nicht zum Ensemble. Das Stück bleibt ein Stück, wird nicht lebendig. Der Zuschauer bleibt Zuschauer und taucht nicht ein. Und dennoch: Aufgabe erfüllt. Man verlässt den Perchtoldsdorfer Burgplatz mit dem innigen Wunsch nicht am Gut Serebrjakows zu laden und sich rechtzeitig mit der Frage nach dem Sinn auseinanderzusetzen.

Samstag, 29. Dezember 2018

Nun habet allesamt Achtung Leut

“Nun habet allesamt Achtung Leut und hört, was wir vorstellen heut!” Seit fast 100 Jahren schallen diese Textzeilen zu Beginn des “Jedermann” über den Salzburger Domplatz. Gestern habe ich sie im Wiener Burgtheater vernommen. Bei den ersten Worten hält sich Autor Ferdinand Schmalz noch an die Vorlage von Hugo von Hofmannsthal. Dann überschreibt er, transferiert das bekannt Mysterientheater in die Finanzwelt von heute. Hofmannsthal hatte ja vor 120 Jahren nichts anderes gemacht. Auch er war nur einer, der den jahrhundertealten Stoff weitergeschrieben hat.

Ich bin mir nicht sicher - vielleicht waren es die Hustenanfälle der Leute rings um mich - aber es hat eine Zeit gedauert, bis mich das Spiel “Jedermann (stirbt)” in seinen Bann gezogen hat. Man muss sich schon ordentlich konzentrieren, um den Text in seiner Fülle aufnehmen zu können. Die neuen Verse von Schmalz sind für mich durchaus gelungene Fortschreibungen, aber auch nicht einfacher zu verarbeiten, als die ans Mittelhochdeutsche erinnernde Kunstsprache von Hofmannsthal.
Die bekannten Figuren wie Gott, Tod und Teufel, Buhlschaft und Jedermann sind neu gruppiert. Die Bühne auf ein Minimum eindrucksvoll reduziert: Eine goldene Mauer mit einem Loch darin, dahinter der nicht sichtbare Lustgarten, in dem die rauschende Party stattfindet. Der Tod eine geheimnisvolle Frau, die als unbekannter Gast am Gelage teilnimmt. Die “Guten Werke” stellen sich als “Charity” vor und lassen einen schmunzeln. Doch die Sache ist nicht Lustig. Es geht um Leben und Tod!
Man merkt: Autor und Regisseur haben sich intensiv mit dem alten Stück beschäftigt, um mit nahezu jeder Textzeile, Mimik und Requisite dem Publikum einen Spiegel vorzuhalten. Von menschenverachtenden Finanzgeschäften ist da genauso die Rede, wie von Massentierhaltung und Umweltzerstörung aus Habgier oder Beziehungen ohne Tiefgang. Vielleicht ein paar Dinge zu viel, die da angesprochen werden. Irgendwann macht man im Publikum zu, nimmt sich aus dem Stück wieder heraus und bleibt im Zuschauerraum auf Distanz.
Wird irgendeiner der Theatergäste nach der Vorstellung sein ethisch bedenkliches Aktienportfolio verkaufen, auf das Schnitzel aus einer Mastfarm verzichten oder dem nächsten lästigen Bettler in der U-Bahn Geld geben?
Jedermann ist ein sehr moralisches Stück (Nietzsche würde es vielleicht “moralines” Stück nennen) und droht mit der Keule sein Leben zu verwirken. Am Wiener Burgtheater stirbt Jedermann am Schluss als Sündenbock für alle anderen. Denn “der Tod kann auch etwas nützliches sein, wenn er einen nicht selber trifft.” Und so geht es mir nach dieser Vorstellung: Ich war dabei, aber nicht mitten drin.
PS: In Rodaun planen wir Hofmannsthals Jedermann vor der Bergkirchen im September 2020 aufzuführen. Wer bei Organisation, Schauspiel und Sonstigem noch mitwirken möchte, bitte bei mir melden. Kick-off Meeting ist dann am 10. Jänner 2019 in der "Werkerei" um 19.30 Uhr in der Ketzergasse 423.

Dienstag, 9. Dezember 2014

Neuer Woody-Allen-Film entzaubert "Geisterwelt"

Woody Allens neuer Film “Magic in the moonlight” startet als Liebesgeschichte zum Schmunzeln, entpuppt sich aber rasch als tiefschürfender Dialog zwischen Materialismus und Spiritismus. Die ersten Bilder von "Magic in the moonlight" zeigen eine Bühne im Berlin der 1920er Jahre. Dort vollbringt ein chinesischer Magier vermeintliche Wunder. Er lässt einen Elefanten vor den Augen des Publikums verschwinden, seine Assistentinnen werden zersägt und bleiben dennoch heil. Unerklärlich, nahezu unglaublich was da auf der Bühne des Varietes passiert. Ist das alles Trick oder hat da jemand tatsächlich übernatürliche Fähigkeiten?
Colin Firth spielt den Starmagier Stanley Crawford 
und Emma Stone gibt das mit der Geisterwelt kommunizierende Medium Sophie
Foto: Gravier Productions / Jack English

Rund 100 Jahre später kennt zumindest das Kinopublikum die Antwort und lässt sich nicht verführen. Rauben Einblicke in Wissenschaft und moderne Technik die Illusion und nimmt Rationalität die magischen Momente? Schnell wird klar, dass Allens Variete-Kulisse durchaus für mehr steht, als ein verstaubtes Theater im alten Berlin. Gut verpackt in einer Komödie greift Allen das Thema "Sein und Schein" auf und stellt die Frage, was denn Illusion und was Wirklichkeit sei. Dabei wagt er sich bis in die Bereiche der Religionen vor.

Bei “Magic in the moonlight” spielt Colin Firth den Starmagier Stanley Crawford alias Wei Ling Soo und legt ihn als eingebildeten Egoisten an. Als Vorlage für diese Figur hat sich Woody Allen wohl von Harry Houdini inspirieren lassen. Houdini wurde 1874 als Sohn des Rabbiners Samuel Weisz in Budapest geboren. Er machte als Entfesselungskünstler in Europa und später in den USA Karriere. Auch Woody Allens Familie stammt aus dem alten Österreich-Ungarn. Seine Großeltern waren Deutsch und Jiddisch sprechende Immigranten in New York.

Kampf gegen Spiritisten


Der Zauberer Houdini und seine jüdischen Wurzeln sind dem Filmemacher Allen also nicht fremd. In der damals entstehenden Spiritismus-Bewegung hielten viele Menschen Houdinis Zauberkunststücke für übernatürliche Wunder. Houdini bestritt aber immer vehement, dass esoterische Phänomene im Spiel seien und machte den Kampf gegen Spiritisten schließlich zu seiner Lebensaufgabe.

Genauso verhält es sich mit der Figur des Crawford im Film. Als er von einem Freund auf die Amerikanerin Sophie, gespielt von Emma Stone, aufmerksam gemacht wird, fährt er nach Südfrankreich an die Cote d’Azur und will ihre Tricks enttarnen. Doch das geht ordentlich schief, denn auch für ihn, den überzeugten Materialisten, der alles Wirkliche als Materie interpretiert oder von ihr ableitet, bleibt es unerklärlich, wie das junge Medium an all die Visionen gelangen kann. Sind das wirklich die Geister der Verstorbenen, die ihr Wissen über Klopfgeräusche und schwebende Kerzen aus dem Jenseits vermitteln?

Diskurs zwischen Materialismus und Spiritismus


Der aktuelle Allen-Film verzaubert weniger durch die absehbare Liebesgeschichte zwischen Stanley und Sophie, sondern besticht vielmehr durch Dialoge eines Drehbuchs, das hinter der beginnenden Romanze einen spannenden Diskurs zwischen dem philosophischen Materialismus und dem esoterischen Spiritualismus führt. Und hier scheint Allen durchaus reichlich autobiographisches in sein Drehbuch übernommen zu haben. Allen selbst bezeichnet sich als Atheisten, für den es in einem Jenseits nichts zu hoffen gibt. „Furchterregend und düster, ohne Ziel oder jegliche Bedeutung,“ sei ein Leben ohne Glauben an Gott, erzählt er in einem Interview zum neuen Film in der Süddeutschen Zeitung. Sein Leben sei "ohne Hoffnung“.

Allen bleibt bei “Magic in the moonlight” nicht bei der Interpretation von Beziehungen zwischen Menschen hängen, er legt die Rolle des „Stadtneurotikers“ ab und gräbt tiefer, stellt sich der Sinnfrage und beleuchtet, wie sehr man sich täuschen und blenden lassen kann und welche Konsequenzen das hat. Ist es besser ein Leben in Illusion zu führen und daraus Hoffnung und Freude zu schöpfen, oder ist man glücklicher, wenn man die Wahrheit kennt, die aber oft entzaubern kann?

„Kein Freund der Religion“ 


Scheinbar macht sich Allen als Filmemacher dann doch mehr Gedanken über Religion und Glaube, als er es in Interviews immer wieder andeutet, etwa 2012 gegenüber der Neuen Zürcher Zeitung. Damals sagte er, dass ihm Religionen keinen Pfennig wert seien. „Ich glaube nicht an Gott und finde ohnehin alle Religionen dumm,“ wird er wörtlich zitiert.

Doch das Faktum des Endlichen ist in manchen Situationen gar nicht so leicht auszuhalten, wenn man sich nicht tröstend in ein Jenseits flüchten kann, erzählt Allen in „Magic in the moonlight“. Stanley erlebt eine Situation, scheinbar ohne Hoffnung. Er beginnt in seiner Hilflosigkeit erstmals in seinem Leben zu beten und wendet sich an eine übernatürliche, göttliche Macht. Doch so wie Allen, widersteht auch seine Filmfigur schließlich der „magischen Versuchung“ des „Selbstbetrugs“ und landet wieder beim Materialismus.

Stanley wird trotz Krise und Verlorenheit, letztlich doch kein Diener des Transzendenten. Aber Allen bietet auch einen Lösungsansatz für den Konflikt zwischen dem „Begreifbaren“ und dem „Unbegreiflichen“. Indem er Stanley seine Liebe zu Sophia in die Realität umsetzen lässt, werden seine Visionen dann doch wahr und vielleicht sogar ein Stück Himmel auf Erden.

Freitag, 28. November 2014

Liebe und Rationalität

Logik darf man bei "Interstellar" keine erwarten. Das neueste Weltraumepos von Christopher Nolan stellt das Gesetz der Liebe an oberste Stelle. Aber Liebe hat mit Rationalität bekanntlich wenig zu tun. Dafür überwindet die Liebe jede Grenze, selbst die von Raum, Zeit und Gravitation und muss sogar als Erklärung für das Transzendente herhalten. Aber bekanntlich ist ja der Gott der Christen ein liebender.
NASA-Astronaut Cooper (Matthew McConaughey)
Foto: Paramount Pictures

Wieder einmal befindet sich Matthew McConaughey, diesmal in der Person des NASA Piloten Cooper, zwischen All und Erde, zwischen Wissenschaft und Glaube und macht sich auf den Weg in die unendlichen Weiten. Und für den überzeugten Rationalisten ist es gar nicht so leicht zu erkennen, was er nun weiß, glaubt, vermutet, denkt und wo er einfach den anderen nur "auf den Leim" geht.
McConaughey ist zwar seit “Contact” zum guten Schauspieler gereift, Abzüge gibt es aber für sein solarienbraunes Gesicht. Die dafür verantwortlichen Sitzungen vor den UV-Lampen haben seiner Haut nicht gerade gut getan. Tiefe Falten durchfurchen sein mageres Gesicht. Aber auch Anne Hathaway hat man von “Plötzlich Prinzession” hübscher in Erinnerung. Ich will Nachsicht walten lassen, die Beiden fliegen ja jahrelang im Weltall herum, stürzen sich auf fremde Planeten und schleudern durch Galaxien. Das Leben im Raumschiff als hochauflösende Leinwandprojektion ist offensichtlich nicht einfach!
Im Hintergrund von Interstellar steht die Frage nach Glaube und Vertrauen und warum wir so handeln, wie wir handeln. Gibt es so etwas wie selbstloses, “reines”, Tun? Die drei Stunden im Kino vergehen jedenfalls schnell. Insterstellar beinhaltet viele Themen, die eine Nachbetrachtung fordern: Zukunftsangst, Fortschrittsglaube, Rationalität. Ein durchaus gelungener Streifen, aber kein "must have".

Samstag, 22. November 2014

Von der Manipulation "dummer" Massen

Spannend, welche Aktualität das rund 2400 Jahre alte Theaterstück "Die Vögel" von Aristophanes noch immer hat. Vielleicht sollte man dieses Lehrstück über die Verführbarkeit von Menschenmassen öfter spielen. Im Wiener Volkstheater gab es dennoch nur mäßigen Applaus. Ich jedenfalls fand die Inszenierung beeindruckend. Genial die kabarettistische Überhöhung liturgischer Musik und die damit verbundene Kritik an Religion, als willfähriges Vehikel der Manipulation von "dummen" Menschen. 
Die Vögel im Wiener Volkstheater
Foto: Lalo Jodlbauer


Leider stimmt vieles in dieser Parabel: Realen Zielen und kleinen Erfolgen traut Mann und Frau kaum. Dem, der aber die Utopien und das Paradies verspricht und als Weg dorthin nichts anderes außer Fremdenhass und Mauerbau präsentiert, dem fliegen oft die Herzen der großen Masse zu. Im Stück "Die Vögel" endet es mit einem Festmahl. Die Herrscher über die Vögel verspeisen genüsslich das ihnen untergeben folgende Federvieh.

Sonntag, 19. Oktober 2014

"Cupcakes": Vorsichtige Blicke unter die Zuckerglasur

"Israel, ten points …". Song Contest in Paris und gerade werden die Wertungspunkte vergeben. Hobbysänger Ofer (Ofer Shechter), der eine kleine Gesangsgruppe aus dem Freundeskreis zusammengestellt hat und für Israel an den Start gegangen ist, scheint ganz gut im Rennen zu sein. Vor den Fernsehschirmen und im Studio drücken Familie und Kollegen die Daumen. Diese Szenen sind der Höhepunkt des Films. Kurz zuvor hat Ofer mit Sakko und Ballettröckchen die Bühne betreten und keine Scheu gezeigt, seine Homosexualität auch vor einem Millionenpublikum offenzulegen.

Wirklichkeit und Fiktion


Was im Film Cupcakes als fiktionale Geschichte erzählt wird, kennt man in Österreich seit Conchita Wurst und dem Song Contest 2014 aus der Realität. Aber auch Israel hat seine wahre Geschichte dazu. 1998 ersang die Transsexuelle Dana International für Israel den Sieg beim  Eurovision Song Contest. Ihre Teilnahme sorgte damals für heftigen Widerstand in religiösen Kreisen und sollte verhindert werden. Auch Conchita Wurst wurde und wird wegen ihrer sexuellen Orientierung immer wieder angefeindet.
Ofer beim Finale des Song Contests
Foto: Jüdisches Filmfestival Wien

In Cupcakes ist das anders. Irgendwie klappt alles wie am Schnürchen. Alle finden Ofer sympathisch. In seinem Freundeskreis und Arbeitsumfeld scheint Homosexualität vollkommen akzeptiert zu sein. Auch die Bewerbung zur Teilnahme am Song Contest geht fast von alleine. Ofer und ein paar Freundinnen aus der Nachbarschaften singen spontan ein Lied und filmen es mit der Handykamera. Das Video landet bei einer Jury und die findet es so berührend, dass die Gesangstruppe als Vertreter von Israel für den nächsten Song Contest auserwählt wird. Und weil eine der Sängerinnen Bäckerin ist und mit Vorliebe mit Zuckerfarben bunt glasierte Muffins herstellt, nennt sich die Gruppe Cupcakes. Friede, Freude, Zuckerlfarbe.

Schwere Themen und leichte Musik


Cupcakes ist ein Musikfilm in guter israelischer Tradition, mit Musiknummern von “Yes Sir, I Can Boogie” über “You Light up my Life” bis zu “Hallelujah”. Songs, die man kennt und bei denen man gerne mitswingt. Doch bei den Themen und Geschichten, die hinter den Figuren im Film stehen, greift Regisseur Eytan Fox ins Volle.

So steht die Ehe von Anat (Anat Waxman), vor dem Aus.  Dana (Dana Ivgy) hat Angst ihren Vater zu enttäuschen und hat einen Job, der sie alles andere als glücklich macht. Keren (Keren Berger) wiederum flüchtet sich in eine virtuelle Computerwelt. Jede der Figuren trägt einen schweren "Rucksack" mit sich herum. Eigentlich viel mehr Stoff, als in einen Film passt und so kratzen Regisseur und Drehbuchautor Fox und sein Co-Autor Eli Bijaoui bei ihren Figuren nur an der Oberfläche. Vielleicht auch deshalb, weil sie weitere Nachforschungen ihrem Publikum überantworten möchten.

Ofer, der als Kindergärtner arbeitet, hat seinen ersten Auftritt im Film als Karaokesänger. Perfekt geschminkt und gestylt tritt er als Frau verkleidet vor sein kleines Publikum. Alle lachen und applaudieren, die Eltern der Kleinen freuen sich, grüßen freundlich, eine heile und tolerante Welt, in der jeder größtmögliche Freiheiten genießt. Man merkt, es hat Gründe, warum Tel Aviv 2011 von der australischen Tageszeitung Calgary Herald zur “schwulenfreundlichsten Stadt” gewählt wurde.

Israel war 2001 zudem das erste Land in Asien, das Homosexuelle durch ein Antidiskriminierungsgesetz geschützt hat. Adoption durch gleichgeschlechtliche Paare ist möglich und Schwule und Lesben können ihre Partnerschaft eingetragen lassen. Doch nicht immer ist hinter einer bunten Zuckerglasur auch wohlschmeckender Kuchen.

Der Schein von Offenheit


Alle Personen im Film erscheinen zwar auf den ersten Blick offen und tolerant, doch wenn man ein bisschen an der Oberfläche kratzt, kommt durchaus unerwartet Bitteres zum Vorschein. Selbstverständlich akzeptieren die Eltern von Ofers Freund die homosexuelle Beziehung ihres Sohnes, "aber doch bitte aus Rücksicht auf das Geschäft nicht in der Öffentlichkeit".

Der freundliche Organisator für die Vorausscheidung der israelischen Song-Contest-Kandidaten findet die "authentische Performance" der kleinen Musikergruppe um Ofer zwar toll, aber da und dort müsse man noch etwas verändern. Er organisiert Kostüme, arrangiert den Song neu, greift so lange ein, bis nur noch wenig vom ursprünglichen Charme der Nummer überbleibt. Schließlich erkennen sich die Künstler und ihr Lied nicht mehr wieder. Im Film kommt Toleranz mehrfach als Maske daher, hinter der Menschen, gut versteckt, anderen ihre Vorstellungen überstülpen wollen.

Glaube und Toleranz


Interessant ist auch eine Szene, in der die musikalische Truppe kurz vor dem entscheidenden Auftritt beim Song Contest in Paris auf den Lift warten muss. Dana greift in ihre Tasche, zieht ein dickes Gebetbuch hervor und beginnt zu lesen. Die Gruppe ist sichtlich irritiert, stimmt aber schließlich ein: "O Gott, führe uns, dass wir in Frieden wandeln. Leite uns, dass wir unser Bestimmung erlangen ...".

Alle machen zwar mit, sprechen das abschließende "Amen" aber mit mehr oder weniger Enthusiasmus. Wo beginnt und endet religiöse Toleranz, wie weit verbiegen wir uns für die Überzeugung anderer? Wie sehr lassen wir uns fremdbestimmen? Und gibt es so etwas wie letzte Wahrheiten, die als Trumpf alles andere ausstechen? Viele Fragen können bei dieser Szene zu schwingen beginnen.

Doch nur ein paar Sekunden gibt uns Fox in seiner Regiearbeit Zeit, darüber nachzudenken. Denn kaum fängt der Film ein wenig zu "kratzen" an und wagt einen vorsichtigen Blick unter die bunte Oberfläche, wird sogleich mit Musik und süßer Optik jegliche leicht gezogene Furche wieder zugespachtelt.

Man kann Cupcakes ohne Probleme als Feel-Good-Film genießen und man muss sich keine Gedanken über Toleranz und Akzeptanz gegenüber anderen Meinungen und Lebensstilen machen. Man kann aber auch die bunte Zuckerglasur über den kleinen Törtchen entfernen und schauen was darunter liegt. Vielleicht ist es ja gar nicht so bitter wie befürchtet?