Sonntag, 19. Oktober 2014

"Cupcakes": Vorsichtige Blicke unter die Zuckerglasur

"Israel, ten points …". Song Contest in Paris und gerade werden die Wertungspunkte vergeben. Hobbysänger Ofer (Ofer Shechter), der eine kleine Gesangsgruppe aus dem Freundeskreis zusammengestellt hat und für Israel an den Start gegangen ist, scheint ganz gut im Rennen zu sein. Vor den Fernsehschirmen und im Studio drücken Familie und Kollegen die Daumen. Diese Szenen sind der Höhepunkt des Films. Kurz zuvor hat Ofer mit Sakko und Ballettröckchen die Bühne betreten und keine Scheu gezeigt, seine Homosexualität auch vor einem Millionenpublikum offenzulegen.

Wirklichkeit und Fiktion


Was im Film Cupcakes als fiktionale Geschichte erzählt wird, kennt man in Österreich seit Conchita Wurst und dem Song Contest 2014 aus der Realität. Aber auch Israel hat seine wahre Geschichte dazu. 1998 ersang die Transsexuelle Dana International für Israel den Sieg beim  Eurovision Song Contest. Ihre Teilnahme sorgte damals für heftigen Widerstand in religiösen Kreisen und sollte verhindert werden. Auch Conchita Wurst wurde und wird wegen ihrer sexuellen Orientierung immer wieder angefeindet.
Ofer beim Finale des Song Contests
Foto: Jüdisches Filmfestival Wien

In Cupcakes ist das anders. Irgendwie klappt alles wie am Schnürchen. Alle finden Ofer sympathisch. In seinem Freundeskreis und Arbeitsumfeld scheint Homosexualität vollkommen akzeptiert zu sein. Auch die Bewerbung zur Teilnahme am Song Contest geht fast von alleine. Ofer und ein paar Freundinnen aus der Nachbarschaften singen spontan ein Lied und filmen es mit der Handykamera. Das Video landet bei einer Jury und die findet es so berührend, dass die Gesangstruppe als Vertreter von Israel für den nächsten Song Contest auserwählt wird. Und weil eine der Sängerinnen Bäckerin ist und mit Vorliebe mit Zuckerfarben bunt glasierte Muffins herstellt, nennt sich die Gruppe Cupcakes. Friede, Freude, Zuckerlfarbe.

Schwere Themen und leichte Musik


Cupcakes ist ein Musikfilm in guter israelischer Tradition, mit Musiknummern von “Yes Sir, I Can Boogie” über “You Light up my Life” bis zu “Hallelujah”. Songs, die man kennt und bei denen man gerne mitswingt. Doch bei den Themen und Geschichten, die hinter den Figuren im Film stehen, greift Regisseur Eytan Fox ins Volle.

So steht die Ehe von Anat (Anat Waxman), vor dem Aus.  Dana (Dana Ivgy) hat Angst ihren Vater zu enttäuschen und hat einen Job, der sie alles andere als glücklich macht. Keren (Keren Berger) wiederum flüchtet sich in eine virtuelle Computerwelt. Jede der Figuren trägt einen schweren "Rucksack" mit sich herum. Eigentlich viel mehr Stoff, als in einen Film passt und so kratzen Regisseur und Drehbuchautor Fox und sein Co-Autor Eli Bijaoui bei ihren Figuren nur an der Oberfläche. Vielleicht auch deshalb, weil sie weitere Nachforschungen ihrem Publikum überantworten möchten.

Ofer, der als Kindergärtner arbeitet, hat seinen ersten Auftritt im Film als Karaokesänger. Perfekt geschminkt und gestylt tritt er als Frau verkleidet vor sein kleines Publikum. Alle lachen und applaudieren, die Eltern der Kleinen freuen sich, grüßen freundlich, eine heile und tolerante Welt, in der jeder größtmögliche Freiheiten genießt. Man merkt, es hat Gründe, warum Tel Aviv 2011 von der australischen Tageszeitung Calgary Herald zur “schwulenfreundlichsten Stadt” gewählt wurde.

Israel war 2001 zudem das erste Land in Asien, das Homosexuelle durch ein Antidiskriminierungsgesetz geschützt hat. Adoption durch gleichgeschlechtliche Paare ist möglich und Schwule und Lesben können ihre Partnerschaft eingetragen lassen. Doch nicht immer ist hinter einer bunten Zuckerglasur auch wohlschmeckender Kuchen.

Der Schein von Offenheit


Alle Personen im Film erscheinen zwar auf den ersten Blick offen und tolerant, doch wenn man ein bisschen an der Oberfläche kratzt, kommt durchaus unerwartet Bitteres zum Vorschein. Selbstverständlich akzeptieren die Eltern von Ofers Freund die homosexuelle Beziehung ihres Sohnes, "aber doch bitte aus Rücksicht auf das Geschäft nicht in der Öffentlichkeit".

Der freundliche Organisator für die Vorausscheidung der israelischen Song-Contest-Kandidaten findet die "authentische Performance" der kleinen Musikergruppe um Ofer zwar toll, aber da und dort müsse man noch etwas verändern. Er organisiert Kostüme, arrangiert den Song neu, greift so lange ein, bis nur noch wenig vom ursprünglichen Charme der Nummer überbleibt. Schließlich erkennen sich die Künstler und ihr Lied nicht mehr wieder. Im Film kommt Toleranz mehrfach als Maske daher, hinter der Menschen, gut versteckt, anderen ihre Vorstellungen überstülpen wollen.

Glaube und Toleranz


Interessant ist auch eine Szene, in der die musikalische Truppe kurz vor dem entscheidenden Auftritt beim Song Contest in Paris auf den Lift warten muss. Dana greift in ihre Tasche, zieht ein dickes Gebetbuch hervor und beginnt zu lesen. Die Gruppe ist sichtlich irritiert, stimmt aber schließlich ein: "O Gott, führe uns, dass wir in Frieden wandeln. Leite uns, dass wir unser Bestimmung erlangen ...".

Alle machen zwar mit, sprechen das abschließende "Amen" aber mit mehr oder weniger Enthusiasmus. Wo beginnt und endet religiöse Toleranz, wie weit verbiegen wir uns für die Überzeugung anderer? Wie sehr lassen wir uns fremdbestimmen? Und gibt es so etwas wie letzte Wahrheiten, die als Trumpf alles andere ausstechen? Viele Fragen können bei dieser Szene zu schwingen beginnen.

Doch nur ein paar Sekunden gibt uns Fox in seiner Regiearbeit Zeit, darüber nachzudenken. Denn kaum fängt der Film ein wenig zu "kratzen" an und wagt einen vorsichtigen Blick unter die bunte Oberfläche, wird sogleich mit Musik und süßer Optik jegliche leicht gezogene Furche wieder zugespachtelt.

Man kann Cupcakes ohne Probleme als Feel-Good-Film genießen und man muss sich keine Gedanken über Toleranz und Akzeptanz gegenüber anderen Meinungen und Lebensstilen machen. Man kann aber auch die bunte Zuckerglasur über den kleinen Törtchen entfernen und schauen was darunter liegt. Vielleicht ist es ja gar nicht so bitter wie befürchtet?

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Wenn Männer Frauen besitzen - Scheidung in Israel

Die Kamera ist starr und unbeweglich und genauso festgefahren ist die Situation, in der sich Viviane Amsalem (Ronit Elkabetz) befindet. Der Film "Gett - Der Prozess der Viviane Amsalem" nimmt nicht nur die Protagonisten, sondern auch die Zuseher im engen Raum eines israelischen Rabbinatsgerichts gefangen. Zwei Stunden lang - im Film sind es fünf Jahre - wird das Publikum Zeuge eines Streits um den Gett, den sogenannten jüdischen Scheidebrief, den Viviane von ihrem Ehemann Elisha (Simon Abkarian) vor Gericht erbittet. Einfordern kann sie ihn nicht, denn nur Männer können nach israelischem Recht die Scheidung beantragen.

Viviane Amsalem erbittet den Scheidungsbrief 
von ihrem Mann Elisha
Foto: Jüdisches Filmfestival Wien

Die Praxis des Gett geht auf das 5. Buch Moses der Thora zurück. Dort wird im Kapitel 24 die Praxis des Scheidebriefes bereits vorausgesetzt: “Wenn ein Mann eine Frau geheiratet hat und ihr Ehemann geworden ist, sie ihm dann aber nicht gefällt, weil er an ihr etwas Anstößiges entdeckt, wenn er ihr dann eine Scheidungsurkunde ausstellt, sie ihr übergibt und sie aus seinem Haus fortschickt, wenn sie sein Haus dann verlässt, hingeht und die Frau eines anderen Mannes wird, wenn auch der andere Mann sie nicht mehr liebt, ihr eine Scheidungsurkunde ausstellt [...], dann darf sie ihr erster Mann, der sie fortgeschickt hat, nicht wieder heiraten." Es ist der Mann, der hier in den jahrtausendealten Texten alleine über die Frau bestimmen kann.

Doch auch heute, nach jüdischer Zeitrechnung ist das das Jahr 5775, kann eine jüdische Frau in Scheidungsangelegenheiten nicht viel gegen den Willen eines Mannes ausrichten. Und genau dort fokussiert der Film: "Niemals" werde er in die Scheidung einwilligen, sagt Elisha vor dem Rabbinatsgericht. Ihre Ehe sei gottgewollt und daher ihr beider Schicksal, komme was wolle. Gleich zu Beginn zementiert er so seinen Standpunkt. Doch ohne Scheidungspapiere ist Viviane nicht frei. In Israel fallen Vermählung und Scheidung noch immer in die alleinige Zuständigkeit der Religonsgemeinschaften.  Und so muss das Film-Ehepaar Amsalem vor das Rabbinatgericht. Dort sitzen drei Männer am hohen Podest und urteilen, ausgestattet mit göttlicher Autorität.

Reale Fiktion


Was jetzt beginnt, ist zwar im Film eine fiktive Handlung, hat aber viele Vorlagen aus dem realen Leben von Paaren in Israel. Man wird Zeuge eines Prozesses, der außerhalb des Heilsystems, in dem sich die handelnden Personen befinden, nur als absurd beschrieben werden kann. Es wird eine  Logik bedient, die man nur innerhalb der orthodoxen jüdischen Kultur und Frömmigkeit begreifen kann.

Was sich zunächst als besonders fromme Gesetzestreue von Elisha tarnt, entpuppt sich schnell als krankhaftes Besitzen-Wollen um jeden Preis. Bei "Gett" ziehen sich die Verhandlung über Jahre und dennoch wird es einem als Zuseher nicht langweilig. Gebannt, entsetzt und kopfschüttelnd verfolgt man die Statements von Familienangehörigen, lauscht den Plädoyers der Anwälte.

Es geht um die Macht von Männern über Frauen, Macht die keine Argumente braucht, die sich willkürlich auf Gesetze bezieht und sich letztlich auf Gott beruft, wenn keine Logik mehr hilft. Viviane, eine starke selbstbewusste Frau, ist nicht nur ihrem Ehemann nahezu hilflos ausgeliefert, sondern auch den drei Rabbiner-Richtern. Das Unrecht ist offensichtlich, aber es scheint hier eher um Ordnung, Recht und Machterhalt als um Gerechtigkeit zu gehen.

Willkür der Männer über Frauen


Die Scheidung, die Viviane so vehement einfordert, war vor 1.000 Jahren meist ein Problem in die umgekehrte Richtung. Allzu leicht konnten sich Männer ihrer ungeliebt gewordenen Frauen mit einem willkürlich ausgestellten Scheidungsbrief entledigen. Dieser Praxis hat Rabbenu Gerschom ben Jehuda (965 - 1028) schließlich ein Riegel vorgeschoben. Seither darf sich ein Ehemann nicht ohne Zustimmung seiner Ehefrau von ihr scheiden lassen. Die jüdischen Gemeinden Europas haben diesen Beschluss Gerschom ben Jehudas anerkannt. Doch auch hinter dieser Regel stand kaum Mitgefühl mit den Frauen, als vielmehr die Sorge um das Ansehen und der Ruf der Juden unter den Andersgläubigen.

Aber warum ist es so schwer für das Rabbinergericht dem Begehren der Viviane nachzugeben und die Scheidung zu verfügen? Einerseits gilt die Familie als hohes gut und verdient größtmöglichen Schutz. Daher verfügen die Richter in der Hoffnung auf ein "Zusammenstreiten" ein erneutes Zusammenleben des zerstritten Paares für einige Monate.

Geregelte Gründe für einen Scheidung


Andererseits sind die Gründe, bei denen ein jüdisches religiöses Gericht einen Ehemann zur Scheidung zwingen kann, genau geregelt. Zum Beispiel dann, wenn ein Mann sich weigert, mit seiner Frau Geschlechtsverkehr zu haben oder er seiner Unterhaltspflicht nicht nachkommt. Auch wenn ein Mann seiner Frau untreu ist, sie immer wieder schlägt oder unter einer abstoßenden Krankheit leidet.

Bei “Gett” werden all diese Punkte sorgfältig untersucht, Zeugen befragt. Doch nichts davon trifft zu. Elisha schlägt seine Frau nicht, sie haben vier Kinder und er ist weder krank noch verweigert er den Unterhalt. Viviane  will nicht länger in dieser Beziehung leben, weil Elisha sie nicht liebt, nie geliebt hat, die Ehe als Pflicht ansieht und psychischen Druck ausübt. Dieser Fall ist aber im Gesetz nicht geregelt.

“Gett” spielt in einem Mikrokosmos. Im  Gericht kennen sich alle. Man ist verwandt, verschwägert, besucht die gleiche Synagoge, stammt aus dem gleichen Dorf. Es gibt Abhängigkeiten, niemand hat einen freien unvoreingenommenen Blick auf das streitende Paar. Gerne vermeidet man auch ein genaueres Hinschauen auf den Nachbarn und verbirgt selbst die eignen Probleme so gut wie es eben geht.  Ein Problem, das es oft bei den Ortsrabbinaten zu geben scheint.

Gesetzliche Erleichterungen seit 2013


Im Mai 2013 wurde daher in Israel von Naftali Bennett, dem Minister für religiöse Dienste, bekannt gegeben, dass Eheschließungen und auch Scheidungen nicht mehr vor dem örtlich zuständigen orthodoxen Ortsrabbinat behandelt werden müssen, Paare sollen schon bald frei sein, unter allen Rabbinatsstellen auswählen zu können. Zu einer säkularen staatlichen Eheregelung, die auch gemischt religiöse Ehen anerkennen würde, konnte man sich nicht durchringen.

Nach fünf Jahren Ringen haben die Geschwister Ronit und Shlomi Elkabetz als Drehbuchautoren und Regisseure dieses fesselnden Kammerspiels endlich Erbarmen mit der Figur der Viviane.  Die Kamera wird beweglich. Viviane blickt endlich nicht nur gegen die schäbigen Wände des Gerichtssaals sondern durch eine Scheibe hinaus in die Natur. Sie beginnt zu gehen und als Zuseher heftet man sich an ihre Fersen. Gemeinsam wird man mit Viviane in die "Freiheit" entlassen.

Freitag, 10. Oktober 2014

Yalom: Psychotherapie als Religionsersatz?

Zwei Minuten lang pflügt ein riesengroßer Ozeantanker über die Leinwand. Ein gewaltiges und symbolträchtiges Bild, mit dem Regisseurin Sabine Gisiger ihre Dokumentation über den Psychotherapeuten Irvin D. Yalom beginnt. Die Botschaft ist klar: Es geht hier um einen Großen seines Faches und seinen bedeutsamen Lebensweg. Yalom hat über Jahrzehnte weltweit die Szene der existentiellen Psychotherapie geprägt. Mit seinen Lehrbüchern hat er unter Kollegen hohes Ansehen erlangt, mit seinen Romanen, wie etwa "Und Nietzsche weinte" oder "Die Rote Couch", Millionen Leserinnen und Leser weltweit begeistert.

Irvin Yalom und sein Frau Marilyn
Foto: Jüdisches Filmfestival Wien
Der englische Titel des Filmes ist "Yalom's Cure" und kann mit "Yaloms Heilung" ins Deutsche übersetzt werden. Es geht um die Heilung der Wunden, die das menschliche Dasein aufreißt, bis hin zur Existenzbedrohung durch den Tod. Zur Sprache kommen Ängste, denen sich Patienten, aber auch Psychotherapeuten immer wieder stellen müssen und um deren "Heilung" gerungen wird. In einem großen Bogen, von der Jugend bis ins hohe Alter, begleitet die Dokumentation Yalom und lässt ihn ausgiebig zu Wort kommen. Das Produktionsteam hat private Filmausschnitte und Fotos aufgetrieben, die bis in die 1930er Jahre zurückreichen. 

In Österreich kommt der Film unter dem Titel "Yaloms Anleitung zum Glücklichsein" in die Kinos. Die Premiere ist am Jüdischen Filmfestival in Wien am 10. Oktober. Welche Kur gegen Angst und Verzweiflung hat der bekannte Therapeut gefunden, um mit der größten existentiellen Bedrohung, dem Tod, fertig zu werden? Wie sieht seine Anleitung zum Glücklichsein aus?

Ausbruch aus dem jüdischen “Ghetto”


Yalom wuchs in Washington DC als Sohn einer jüdisch-russischen Emigrantenfamilie auf. Seine Eltern haben ein Lebensmittelgeschäft betrieben. Das Verhältnis zu seiner Mutter sei nicht einfach gewesen, erzählt der heute 83-Jährige. Die Eltern waren stark in der jüdischen Einwandererszene verwurzelt.  Er selber hätte aber als Jugendlicher kein Interesse gehabt, zur jüdischen Clique aus Osteuropa und Russland zu gehören. Yalom zog die Bibliothek dem geselligen Beisammensein im "Ghetto" vor. 

Er habe große Pläne gehabt, wollte immer schon Mediziner werden. Doch in den 1950er Jahren gibt es an nordamerikanischen Universitäten für Juden eine Sperrklausel von fünf Prozent. Er habe Tag und Nacht studiert, um als Jude dennoch auf der medizinischen Fakultät zugelassen zu werden. Mit Erfolg. Und schon bald sollte Yalom selbst als Lehrender an Universitäten unterrichten. 

Immer mehr interessierte sich Yalom für das Wesentliche und begann mit krebskranken Menschen psychotherapeutisch zu arbeiten. Vor allem in den 1980er Jahren war es sein Ziel, die Sensibilität von Therapeuten für die existentielle Dinge zu erhöhen. Darunter versteht Yalom die Beschäftigung mit dem Tod, die Suche nach Sinn, Isolation und Freiheit. Man ahnt ein bisschen die Not der Filmemacherin, all diese abstrakten Begriffe in Bilder umzusetzen. So werden Strand, Wellen, Wiesen und noch mehr Aufnahmen von Strand, Wellen und Wiesen etwas unoriginell über bedeutsame Interviewpassagen gelegt. 

Religiöser Atheist?


Als Soundtrack wird jüdische Musik geboten, leise und im Hintergrund. Das, was was bei Yalom so gar keine Rolle mehr zu spielen scheint, seine jüdischen Wurzeln, ist zumindest als Musikzitat stets vorhanden. Yalom sucht in Interviews den Abstand zu Glaube und Religion. Er bezeichnet sich selbst als "praktizierenden Atheisten". In einem Gespräch mit  der jüdischen Tageszeitung Yediot Achronot formuliert er: "Wenn man an Gott glauben würde, was hätte das für Konsequenzen für die anderen irrationalen Dinge. Da lebe ich lieber in einer rationalen Welt." 

Umso mehr war Irvin Yalom im Jahr 2000 erstaunt, als er von der "American Psychiatric Association" den Oscar Pfister Preis für wichtige Beiträge zu Psychiatrie und Religion erhielt. "Religion und ich, das muss ein Irrtum sein", war Yalom damals überzeugt. Doch viele seiner Lesen meinen bis heute gerade in Yaloms Werken wichtige religiöse Fragestellungen zu finden und wollen die für sie spannende Auseinandersetzung mit den transzendenten Dingen nicht missen. 

Intime Momente


Über weite Strecken der Dokumentation bleibt Yalom der große Gelehrte, der Arzt und Therapeut, der wichtige Lebensweisheiten zu verkünden hat, der sich durchaus vor der Kamera in Denkerpose gefällt. Es wird spürbar, dass analytische Psychotherapie und Yaloms Bücher die Filmemacherin "auf ihrer Reise zu sich selbst" stark geprägt haben. Dieses ehrfurchtsvolle Lehrer-Schüler-Verhältnis tut dem Film nicht immer gut. Doch Gisiger versucht sich aus dieser braven Rolle zu befreien und zeigt das Ehepaar Yalom beim Baden in einem Zuber. Der so ganz aus dem übrigen Duktus der Doku herausfallende "Befreiungsschlag" der Regisseurin irritiert und misslingt.

Doch dann stellt uns Gisiger die vier mittlerweile erwachsenen Kinder des Ehepars Yalom vor und schafft plötzlich ganz nahe intime Momente. Es sind Szenen, die auch mit Scheitern zu tun haben, denn das Ehepaar Yalom ist ratlos, warum das Rezept ihrer eigenen, bereits 60 Jahre andauernden glücklichen Ehe nicht auf ihre Kinder übertragbar war. Alle vier haben ihre Ehepartner schon nach kurzer Zeit wieder verlassen. Hier kommt man im Film dem Menschen Yalom erstmals näher.

Schließlich geht es um das letzte Scheitern, die existenzbedrohende Endlichkeit des Menschen. Die Kamera nimmt den Zuseher mit zu einem Tauchgang des großen Meisters der Psychoanalyse. Yalom schnorchelt in Unterwasserlandschaften. Das Abtauchen in die existentiellen Nöte der Menschen, das Forschen nach der Wahrheit, das Konfrontieren mit Wünschen und Ideen haben Yalom ein Leben lang fasziniert und beschäftigt. 

Was ist seine Antwort auf die große Frage nach dem Danach? Irvin Yalom führt seine Zuseher behutsam an der Hand. Letzter Trost sei nicht die Leistung des menschlichen Geistes, sich ein Leben nach dem Tod paradiesisch vorzustellen. Religionen erzählen Märchen, so sein harter Befund. Aus Jahrzehnten Psychoanalyse habe er die Überzeugung gewonnen, dass der Tod seinen Schrecken nur im Führen eines sinnvollen Lebens verliert. Bei Yalom gewinnt die Psychoanalyse als Vademecum gegen die Religion.


Samstag, 13. September 2014

Von schweren Jungs und leichten Mädchen

Zwanzig Minuten lang hektisches Gedudel im Orchestergraben. Hatten die Bläser und Streicher keine Zeit zum Üben? Jetzt gesellen sich auch noch Schlagwerker dazu und bearbeiten ihre Instrumente. In der Wiener Volksoper entsteht eine unglaubliche Klangwolke, die nicht nur mich den baldigen Beginn des Stückes herbeisehnen lässt.
Guys and Dolls an der Wiener Volksoper. Großartiges 
Bühnenbild und Kostüme aus den 50er Jahren.
Foto: Dimo Dimov/Volksoper Wien 


Und dann wird die Bühne endlich hell. Auf eine Leinwand wird "Guys and Dolls" groß projiziert. Ich bin also im richtigen Stück gelandet! Der Lärm aus dem Orchestergraben wird zur Ouvertüre und schon kommt man aus dem Schauen und Staunen nicht mehr heraus. “Die schweren Jungs und leichten Mädchen” strömen hinter den Vorhängen hervor und bevölkern die Kulisse New Yorks. Viel mehr Sänger, Statisten und Tänzer hätten nicht mehr Platz auf der Bühne. So sah also das Alltagsleben in den 50er Jahren am Broadway aus, zumindest in der Musicalversion. Mein erster Gedanke: Wie kann sich so ein Aufwand für eine Vorstellung rechnen? Wer kann das alles bezahlen? Ich leiste jedenfalls heute zum Gehalt der Darsteller keinen Beitrag, denn ein “Geburtstagsgutschein” von culturall.com ermöglicht mir einen Sitzplatz um null, statt um 51 Euro. Eine unerwartete Gabe, denn mein Geburtstag liegt, je nach Betrachtungsweise, weit vor oder hinter mir.


Adelaide ist verschnupft.
Foto: Dimo Dimov/Volksoper Wien 
Vielleicht habe ich das Geschenk deshalb erhalten, weil mein Geburtsjahr und die deutsche Uraufführung des Musicals 1969 waren. Ich finde aber, man hätte das mit der deutschen Übersetzung lieber bleiben lassen sollen, denn die Texte sind schon auf Englisch kurios genug. Auf deutsch werden sie auch noch sehr holprig und eigentlich versteht man dank des gewaltigen Orchesters ohnedies kaum etwas. Das denke ich mir aber bei jeder österreichischen Musicalaufführung.


Ich erfreue mich also statt am Text, lieber am Großaufgebot an Musikern, Tänzern, Sängern und Schauspielern. Nach vielen Theaterbesuchen mit kargen Inszenierungen und auf wenige Symbole reduzierten Bühnenbildern, meist schwarz in schwarz, ist das hier das ganz Andere. Aus dem Schnürboden werden eindrucksvolle Kulissen herabgelassen und bunte Kostüme wirbeln über die Bühne. Hier hat man sich bemüht, gute Unterhaltung zu bieten. Von besonderem Erfolg gekrönt ist dies bei Sigrid Hauser. Genial, wie sie "überdreht" die Rolle der “verschnupften” Tänzerin Adelaide anlegt. Die immer wieder enttäuschte Liebe zu Nathan beschert ihr Halsweh und Schnupfen. Das Publikum, vor allem Frauen über 60, finden das zum Schreien und so übertönt das laute Lachen aus dem Publikum hin und wieder sogar das riesige Orchester.
Sarah betreibt Mission mit dem Trichter. 
Foto: Dimo Dimov/Volksoper Wien 

Adelaide will ihren Verlobten Nathan Detroid nach vielen Jahren Beziehung endlich heiraten und damit zähmen. Er will sich aber nicht binden und schon gar nicht ändern, sondern als “freier” Mann lieber illegale Wettspiele organisieren. Da ist aber noch eine zweite Frau hinter den “wilden, sündigen” Männern her. Sarah Brown - sie ist Heilsarmee-Sergeantin und zunächst an den Seelen interessiert. Unermüdlich versucht sie die schweren Jungs in ihrer Mission zum Gebet zu bewegen. Für mich gibt es da ein paar wirklich gelungene, lustige Szenen, denn in der Missionsstation ist ein Bibelvers falsch zitiert und immer wieder wird auf humorige Weise offensichtlich, wie hohl und inhaltsleer so mancher Missionsversuch sein kann. Menschen machen sich schnell lächerlich, vor allem dann, wenn sie ohne Denken etwas nachplappern und das dann auch noch anderen aufoktroyieren wollen. Genau hier versucht das Stück weit mehr zu vermitteln und ist viel tiefsinniger, als das auf den ersten Blick scheint. Denn Missionsversuche gibt es nicht nur im religiösen Kontext. Offensichtlich lieben es Menschen, anderen eigene Verhaltensmuster aufzuzwingen und diese als absolute letzte Wahrheiten zu “verkaufen”. Auch in den Beziehungen zwischen Nathan und Adelaide sowie Sarah und Sky Masterson geht es darum, wie eigene Bilder auf andere projiziert werden und warum Veränderungswünsche meist beim anderen und nicht bei einem selbst ansetzen.

Es kommt wie es kommen muss, denn das Stück ist aus dem Jahr 1950. Adelaide heiratet Nathan und Sarah wird mit dem Edelganoven Sky Masterson glücklich. Alles gut, Ende gut. Ein vergnüglicher Theaterabend mit einer herausragenden Sigrid Hauser. Hatschi!

Samstag, 12. Juli 2014

Tatort: Mödling 1111 - Ein spektakulärer Stadtspaziergang

Drei Stunden für 1111 Jahre. An 11 Schauplätzen erzählt das Schauspielteam von Kunst&Kultur “Gschichtln” aus Mödling, anlässlich eines so gar nicht runden Geburtstags. Und es ist eine ganze Menge Theaterstoff, den Autorin Nici Neiss da zusammengetragen und in ein Stationentheater gepackt hat.
Im Beethovenhaus: Frau Tuschek ärgert sich über
Beethovens Klavierspiel. Foto: Marcus Marschalek
Vielleicht sogar eine Spur zu viel. Hin und wieder schaut man auf die Uhr, doch dazwischen gibt es viele Momente, wo die Zeit wie im Flug vergeht, wo das Ensamble sein Publikum zu packen versteht.

Masken, Tanz und Kasperl


Da gibt es ein K&K Kasperltheater im Krawany-Hof: “Seid ihr auch alle da?” Nici Neiss versteht es ihrem Kasperl, den sie auch selber spielt, fast dämonische Präsenz zu verleihen. Verzaubert und hörig schaut das Publikum zu, um nach dem dramatischen Auftritt von Kronprinz Rudolf, vom Kasperl weiter zum nächsten Spielort geschickt zu werden. “Husch, husch,” scheucht der Kasperl sein Zuseher vor sich her. 11 Schauspieler und Schauspielerinnen schlüpfen an diesem Abend in 40 Rollen und haben ein gutes Gespür für die Balance zwischen Dramatik und Humor. Während des gesamten Abends schaffen sie es fast immer die Spannung zu halten und das Publikum neugierig zum nächsten Spielort zu treiben.
Ein eindrucksvoller Kasperl im K&K Theater
Foto: Marcus Marschalek

Stark sind die Szenen über die Kriegsheimkehrer am Brunnen in der Brühlerstraße oder über die Judenverfolgung in Mödling. Beklemmend der Gang von St. Otmar durch die Kirchengasse. Hier rufen Zeitungsjungen, werden Transparente entrollt und es wird lautstark protestiert. Als Publikum ist man plötzlich mitten im Geschehen und kann in der engen Gasse nicht ausweichen, der “Zeitreise” nicht entkommen. Aber das Stück bleibt nicht in der Geschichte stecken. Vieles wirkt erstaunlich aktuell. Beschwerden über zu lautes Musizieren von Beethoven oder der erfolglose Kampf von Anton Wildgans gegen Korruption im Burgtheater, könnten auch gerade aktuell passieren.


Geschichte und Gegenwart im rechten Maß


Dass Menschen lieben und hassen, denunzieren und eigene Vorteile suchen, für Ideale einstehen, andere Ausgrenzen, sich vor Fremden fürchten, Intrigen spinnen, heiraten und morden, an all dem scheint sich durch die Jahrhunderte nicht viel verändert zu haben. Inszenierung und Text haben da ein gutes Gefühl Geschichte und Gegenwart im rechten Maß zu verbinden und laufen nicht in die Falle kabarettistischer Schenkelklopferpointen.
Der Graml-Toni erzählt vom Justizirrtum am Kirchplatz
vor St. Otmar. Foto: Marcus Marschalek

Ein starker Momente auch die Begegnung mit der Pest. Ohne szenische Darstellung, nur mit allerlei Stimmakrobatik wird man hier akustisch geküsst und es läuft einem warum und kalt über den Rücken und auch hier gelingt es die Jahrhunderte zu verbinden und das Publikum zwischen Nachdenken und Schmunzeln in Schwebe zu halten.

Wenig Mittel, viel Output


Natürlich merkt man immer wieder, dass diesem szenischen Stadtspaziergang die Mitteln einer großen teuren Produktion fehlen. An manchen Szenen hätte man durchaus noch feilen können. Die Tanzeinlagen der Schlussrevue wirken noch ein bisschen nach Laienbühne und würden noch einige Probenarbeit vertragen.
"Heute Krieg, morgen Sieg" rufen die begeisterten Mödlinger.
Ein paar Monate später sind viele tot, die Überlebenden
verletzt an Leib und Seele. Foto: Marcus Marschalek

Dennoch ist das fast unmögliche gelungen: 1111 Jahre und 40 Personen mit ihren Geschichten in einen interessanten Theaterabend zu verweben, ist eher ein Vorhaben, dass von vornherein hätte scheitern müssen. Doch Musik und Kostüm schaffen eine gekonnte Verbindung zwischen den Szenen und Figuren. Und wer sich auf die Begegnung, etwa mit der Anningerwirtin, Bürgermeister Thoma, Kaiserin Sisi, Ordensschwester Restituta oder auch Musiker Falco und vielen anderen, in Mödling einst lebenden Menschen einlässt, wird nicht enttäuscht.






Montag, 7. Juli 2014

"Der Zerrissene": Die Antithese zu “Geld macht glücklich”

Bei den Schloss-Spielen in Kobersdorf steht heuer “Der Zerrissene” von Johann Nestroy auf dem Programm. Auf der Bühne geht es um spannende Charaktere, die alles etwas wollen, was sie im Augenblick aber nicht haben. Und dann geht es auch noch um Erbschleicherei. Fazit: Geld macht verführerisch aber nicht glücklich. Joschi Kirschner hätte noch ergänzt, “aber man soll rechtzeitig drauf schaun, dass man’s hat, wenn man’s braucht”.

Gluthammer und Gutsverwalter Krautkopf. Foto: ORF
Da gibt es einen Schmied namens Gluthammer, dargestellt von Wolfgang Böck, der Eisengitter montieren und Hämmer schwingen soll. Doch Gluthammer träumt vom Modegeschäft und der süßen Liebe zu Madame Schleyer. Dann gibt es einen gelangweilten Kapitalisten namens Lips, gespielt von Fritz Hammel, der gerne alles wäre, nur nicht reich, denn er spürt das Leben nicht mehr. Und dann tritt auch noch Kathi auf die Bühne: Brav und bieder, dargestellt von Sarah Jeanne Babits. Kathi will verruchter, durchtriebener sein, mag ihr konservatives und eintöniges Lebensmodell aufgeben. Es sind spannende Charaktere, die Johann Nestroy da in seiner Posse „Der Zerrissene“ auf die Bühne stellt. Menschen die im Leben nicht dort stehen, wo sie gerne stehen wollen, die hin und her gerissen sind zwischen Sehnsucht und Wirklichkeit, zwischen der Konsequenz etwas zu verändern und den Bequemlichkeiten und Zwängen des Alltags.

Zerstörte Tiefe


Doch was Regisseurin Christine Wipplinger im ersten Teil des Stückes an Tiefe aufbaut, zerstört sie im zweiten Teil ihrer Inszenierung. Wolfgang Böck macht nach der Pause aus seiner vielschichtigen Figur des Schmieds einen torkelnden Landstreicher, der schon besoffen ist, noch bevor er einen Doppler Wein leert. Vom unzufriedenen Kapitalisten Lips bleibt ein unsicherer und dummer „Knecht“ über. Kathi wiederum verfällt in tiefe Trauer über den vermeintlichen Tod beider. Das Stück macht seinem Namen alle Ehre: Zerrissen wirkt es in zwei Teile. Fast so, als hätte man die Schauspieler ausgetauscht. Eigentlich eine geniale Idee, würde die Zerrissenheit nicht durch Flachheit erzeugt. Aus den Figuren werden Persiflagen ihrer selbst. Böck torkelt mehr und mehr über und unter die Bühne und lustig schreitet das Stück mit „Tür auf und Tür zu“ voran. „Schnell ermittelt“-Kommissar Wolf Bachofner gibt den despotischen Gutsbesitzer Krautkopf doch in seiner Darstellung ist der eher eine Lachnummer. Dem Publikum gefällt es.

Beeindruckend: Die Arkarden sind Teil der Bühne. Foto: ORF
Doch bevor sich die Figuren so dramatisch verändern, passiert ein offensichtlich prägendes Ereignis. In einem Gerangel stürzen Lips und Gluthammer in den Burggraben. Alle auf der Bühne glauben, dass sie tot sind und die beiden in wirklich unversehrt Abgestürzten, glauben das vom jeweils anderen auch. Um nicht als Mörder angeklagt zu werden, verstecken sie sich. Das verändert die beiden stark. Doch als Publikum darf man an diesem spannenden Prozess der Veränderung nicht teilhaben. Auch nicht daran, warum etwas später Lips für Kathi entflammt. Irgendwie hat man den Eindruck, dass hier verbindendes fehlt, große Lücken im Stück klaffen. Und dann, nach allerlei Verwechslungen, das plötzliche „happy end“, das in Kobersdorf so gar nicht glücklich wirkt. Lips macht Kathi einen Heiratsantrag. Im Originalmanuskript sollten sich nun die Beiden in die Arme fallen. Doch in Kobersdorf bleiben sie weit auseinander stehen und Kathi schaut Lips nicht einmal an. Bis zu diesem Moment war Kathis Liebe für Lips das bestimmende Element ihrer Figur. Doch jetzt, wo sie endlich von Lips beachtet und begehrt wird, scheint ihr Interesse an dem reichen Langweiler vorbei. Und für das Publikum heißt es, jetzt, wo es wieder spannend wird, gehen die Scheinwerfer aus.

Ein Spiegel für das Publikum


Neben der Zerrissenheit seiner Figuren hält Nestroy seinem Publikum einen Spiegel vor und predigt, dass Reichtum alleine nicht glücklich macht. Reiche haben es schwer um ihrer selbst und nicht wegen ihres Geldes geliebt zu werden. Wer hat noch nie wegen eines finanziellen Vorteils, oder beruflichen Vorankommens eine Schleimspur geIegt? In Kobersdorf darf sich das Publikum im ersten Akt in einer Spiegelpyramide auf der Bühne betrachten und sich immer wieder, auch in den „Freunden“ von Lips, selbst erkennen. Reflexion ist unbequem und so sind auch einige aus dem Publikum in der Pause wenig begeistert von dieser Inszenierung. Nach dem zweiten Teil dann mehr Applaus. Mehr Slapstik, ein paar theatralische und viel zu oft wiederholte Gesten helfen, sich nicht allzu tief mit dem Sinn und der ernsten Thematik des Stückes auseinanderzusetzen.
Kathi und Lips. Foto: ORF

Ein bisschen ratlos verlässt man den Schlosshof von Kobersdorf. Man ist hin und hergerissen zwischen Begeisterung für das Ambiente, lustigen Szenen, gelungenen musikalischen Einlagen und auf der anderen Seite antiquiertem Slapstick in peinlich überzeichnetem Hans-Moser-Stil und selbstverliebten Tollpatscheleien auf der Bühne. Hier wurde vieles angerissen, aber von Zerreißen keine Spur. In Kobersdorf lässt man leider Tiefe nicht zu. Die Figuren Gluthammer und Lips überleben die Fluten, ertrinken aber in ihrer Seichtheit.

Donnerstag, 29. Mai 2014

Popkornkino als Anleitung zum Verlassen von “Zeitschleifen”



Das soll noch jemand sagen, man könne aus der Geschichte nichts lernen. Tom Cruise, alias Major Bill Cage, kann das, oder besser gesagt, er muss das, denn er ist im Alien-Spektakel “Edge of Tomorrow” in einer “Zeitschleife” gefangen. Was im Promotion-Trailer noch wie ein beliebiger Hollywood-Tschin-Bum-Krach-Blockbuster daherkommt, ist eine interessant gestaltete Und-Täglich-Grüßt-Das-Murmeltier Geschichte.
David James - © (c) 2013 Warner Bros. Entertainment Inc.

Hunderte Male muss Tom Cruis immer wieder zurück zum Start. Wie in einem Computerspiel arbeitet er sich langsam vorwärts, von Level zu Level. Die Geschichte ist so simpel, wie schnell erzählt. Außerirdische hochintelligente Spinnenwesen bedrohen die Erde und Bill macht sich an die Rettung der Menschheit.

Die Stärke und das Faszinierende von Film war schon immer die Aufhebung der Gesetzmäßigkeit von Zeit. Das Medium Film kann ganze Epochen in wenigen Minuten erzählen und ein Schnitt genügt und man ist in der Zukunft oder Vergangenheit. Regisseur Doug Liman setzt diese Schnitte gekonnt und er hat dabei Humor. Fein dosiert setzt er seine Pointen. Bill Cage durchlebt immer wieder die selben Situationen, doch er verändert nach und nach sein Verhalten und das verändert die Menschen rund um ihn.

Verfangen im Alltag


Was im Film zum Sieg über die bösen Spinnen führt, kann in unserem realen Alltag vielleicht auch aus den vielen “Zeitschleifen” helfen, in denen wir uns befinden. Täglich der gleiche Weg in die Arbeit, die gleichen Kolleginnen und Kollegen im Büro und nach ein paar Wochen haben wir sie alle eingeteilt und fein säuberlich in “Schubladen” abgelegt. Es sind immer wieder die gleichen Konflikte, etwa über Geschirrabwaschen und Wäschezusammenlegen, die den Alltag auch daheim so mühsam machen können. Vieles läuft auch in der realen Welt immer wieder nach den gleichen “Gesetzmäßigkeiten” ab und wir wissen eigentlich schon vorher, wie die anderen reagieren werden.

Bill Cage nutzt dieses Wissen, um sich nicht vorher schon über die anderen zu ärgern, sondern um aus einem Haufen unsympathischer Soldaten, ein schlagkräftiges Team zu formen. Veränderung findet statt, indem man sein eigenes Verhalten ändert. Eine wichtige Erkenntnis. Und Veränderung geht nicht von heute auf morgen, dazu braucht es Know-how, Training und Übung, lehrt uns der Film so nebenbei. Bill Cage will die dunkle Bedrohung der Spinnen beenden. Aus dem ängstlichen Werbegrafiker entwickelt sich Bill, mit Hilfe der Elitesoldatin Rita, zum Retter der Menschheit.

Emily Blunt: kühl und unnahbar


Tom Cruise ist ja nicht gerade für reiche Mimik und facettenreiches Schauspiel bekannt, doch er passt ganz gut in diesen Film und Schauspielkollegin Emily Blunt unternimmt auch alles um, als “kühle” und ausschließlich auf den Kampf fokusierte Soldatin, ihm nicht mit Emotionen die Schau zu stehlen.

Die schnellen Schnitte, vor allem der Kampfszenen gegen Ende des Spektakels und das unablässige Wummern der Dolby-Surrund-Kracher, sowie die wackelige Handkamera im Gefecht, sind durchaus eine Herausforderung. Aber man muss nicht unbedingt Alien-Filme auf großen Leinwänden mögen, um diesen Streifen dennoch gut zu finden. Mein Fazit: Vergnügliches Popkornkino mit Anleitung zum Verlassen von “Zeitschleifen”.